30 August 2006

Erfolgreich in Brasilien verkaufen

Oft hat ein deutscher Exporteur das Problem, daß er keinen Vertreter findet oder sein Vertreter nicht zufriedenstellend verkauft. Manche Firmen bezahlen daher bei einer Vertretungsfirma angestellte Mitarbeiter, damit diese sich ausschließlich ihren Produkten widmen, was aber wegen der Entfernung nie garantiert werden kann. Und wenn der Exporteur dies erst am Auftragseingang merkt, ist dies zu spät. Um hier Abhilfe zu schaffen, ist meine Firma in zwei Bereichen tätig, die schon aus dem Firmennamen hervorgehen:

EUROLATINA INTERNATIONAL - COMÉRCIO EXTERIOR E DESENVOLVIMENTO DE NEGÓCIOS LTDA. oder übersetzt EUROLATINA INTERNATIONAL - AUSSENHANDEL UND GESCHÄFTSENTWICKLUNG LTDA.

Der erste Bereich kümmert sich um EXPORTKOOPERATION mit deutschen Kunden: Der Eurolatinakunde bezahlt einen Vertreter oder Verkäufer, der ausschließlich seine Produkte vertreibt (oder, falls sinnvoll und in Abstimmung, die eines weiteren Exporteurs). EUROLATINA übernimmt die Vertriebspersonalsuche und -verpflichtung, die Bezahlung des Vertriebspersonals gegen Rechnungsstellung an den Kunden, die Planung und Überwachung der Vertriebsaktivitäten mit regelmäßiger deutscher Berichterstattung an den Kunden und stellt einen Arbeitsplatz mit PC, Internet und Telefon zur Verfügung und übernimmt Telefon- und Postdienst im Namen der Kundenfirma. Auf Wunsch koordinieren wir auch alle Importformalitäten, die zur Abwicklung der Kundenaufträge nötig sind, beseitigen dabei auftretende Probleme und pflegen die Kontakte unserer Kunden in Brasilien. Wenn diese ihre Kunden in Brasilien besuchen wollen, übernehmen wir die Vorbereitung eines solchen Besuches von der Abholung am Flughafen angefangen bis hin zur Begleitung bei den Besuchen durch mehrsprachiges Personal und Follow up.

Der zweite Bereich ist der BERATUNG und dem FIRMENPOOL BRASILIEN / MERCOSUR gewidmet. wobei der Firmenpool von uns im Auftrag der Handelskammerorganisation gegründet und jetzt schon fast 10 Jahre geleitet wird. Träger ist seit vielen Jahren die IHK Essen, NRW - Schwerpunktkammer für Lateinamerika.

Beide Bereiche sind büromäßig getrennt, aber Nachbarn im selben Gebäude.

Wer mehr über den Aufbau und die Pflege von Handelsbeziehungen mit Brasilien und über Investitionsmöglichkeiten und -modalitäten hören möchte, kann im September zwei meiner Seminare in Deutschland besuchen:

25.9.06 IHK Essen (nachmittags): Anmeldung bei Herrn Tobias Slomke slomke@essen.ihk.de
28.9.06 IHK Pfalz (ganztägig, zusammen mir RA Parvis Papoli-Barawati): Anmeldung bei Frau Kim Gronemeier kim.gronemeier@pfalz.ihk24.de

Tendenzen der brasilianischen (besser nippogermanischen) Automobilindustrie

Zwei Überschriften aus der heutigen Ausgabe des ESTADO DE SÃO PAULO:

VOLKS BEGINNT DIE ENTLASSUNGEN UND MITARBEITER STREIKEN
Hintergrund: VW hat angekündigt, 1.800 Mitarbeiter ab 21.11.06 zu entlassen und droht damit, falls nötig, das Werk in São Bernado do Campo zu schließen, in dem über 10.000 Menschen arbeiten. Als ein Grund wird die fehlende Wettbewerbsfähigkeit im Export angegeben. Am 21.11.06 endet der Stabilitätspakt mit der Gewerkschaft. Man fühlt sich an eine Baufirma in Deutschland erinnert, die selbst der damalige Bundeskanzler nicht retten konnte.

TOYOTA VERGRÖSSERT FABRIK IN SÃO BERNADO
Hintergrund: Die Firma exportiert Schmiedeteile, u.a. Kurbelwellen, an Fabriken in den USA und muß die entsprechenden Fertigungslinien mit einer Investition von 42 Mio. US$ ausweiten.

Dazu eine persönliche Erinnerung: Als ich als Geschäftsführer eines Automobilteileherstellers mit VW verhandelte, saßen mir oft mindestens 5, manchmal 10 oder sogar 12 Gesprächspartner gegenüber. Bei meinen Gesprächen mit Toyata war es immer nur einer, entweder der Geschäftsführer oder ein Einkäufer bzw. Entwicklungsingenieur. Und bei Toyota habe ich nie auf einen Manager warten müssen, der sich gerade in seinem Büro die Schuhe putzen ließ und während dieser Wartezeit habe ich nie im Nachbarbüro einen japanischen Manager des Mutterhauses gesehen, der gerade den Sportteil der Tageszeitung las. Manchmal fragt man sich, wo unsere Preussen geblieben sind!

27 August 2006

Verteidigung der Banken

Ich greife zwar die hohen Schuldzinsen bei gleichzeitig niedrigen Habenzinsen an, aber dabei nicht automatisch die Banken. Denn diese haben trotz ihrer exorbitanten Gewinne in Brasilien auch ihr Kreuz zu tragen, denn sie müssen mindestens 45 % ihres Kreditvolumens bei der Zentralbank ohne Verzinsung und weitere 8 % mit Verzinsung in Höhe des Leitzinses (Selic) hinterlegen. In anderen Ländern liegt dieser Wert bei unter 10 % des Kreditvolumens, in Chile z.B.sind es 9 %. Das Kreditvolumen in Brasilien ist 33,4 % vom BIP, in Chile 60 % und in Euroland, wo nur 2 % des Kreditvolumens bei der Zentralbank festliegen, 105 %.

Da kann man nur hoffen, daß das Zwangsdepot oder "depósito compulsório" in Brasilien recht schnell reduziert bzw. abgeschafft wird. Zumindestens als Kreditmengenregulator zur Inflationskontrolle wird es in Brasilien nicht mehr benötigt.

Erdung und Kupferverbrauch

2005 wurden in Brasilien 90.000 to Kupfer verkauft. Dieser Wert kann durch ein neues Gesetz um 5 % wachsen. Denn ab Oktober ist für Neubauten die Erdung gesetzlich vorgeschrieben. Das Gesetz 11.337 wurde im Juli veröffentlicht und tritt im Oktober in Kraft. Eine entsprechende Norm besteht schon seit 40 Jahren, wurde aber praktisch nie berücksichtigt.

Wie wichtig die Erdung elektrischer Netze ist, zeigt eine Statistik der Feuerwehr des Bundesstaates São Paulo. Danach werden 48 % der jährlich registrierten 40.000 Brände durch Elektrounfälle verursacht. Deshalb ist auch vorgesehen, daß Altbauten nachträglich eine Erdung installieren müssen. Einzelheiten kann man beim Sindicel - Verband der elektrischen Leiter, NE-Metall - Walzen und Drahtziehen des Bundesstaates São Paulo erfahren.

Und unsere deutschen Besucher können sich künftig unbesorgt unter eine Elektrodusche stellen. Vor einigen Jahren suchte ich im Auftrag einer deutschen Firmengruppe in Argentinien und Brasilien nach Schmelzsicherungsherstellern für eine Übernahme. Zufälligerweise war der technische Chef der Gruppe ein Studienkollege von mir, der auch Elektrotechnik an der heutigen TU Darmstadt studiert hatte. Als dieser zum ersten Mal eine ungeerdete Elektrodusche ohne Fehlerstromschutzeinrichtung sah, weigerte er sich, diese zu benutzen. Da ich anschließend, während er promovierte, noch Maschinenbau studierte, war ich weniger empfindlich, Maschinenbauer sind wahrscheinlich robuster.

Petrobrás bereitet Ausweitung der Erdgasförderung vor

Hier sehen Sie zwei Petrobrás - Bohrinseln, die ich im Hafen von Angra dos Reis fotografiert habe. Sie werden gerade von Erdöl- auf Erdgasförderung umgestellt.

Zinssenkung in Brasilien, wie?

Wie Sie sehen, läßt mich das Thema Zinsen nicht los. Aber ist auch extrem wichtig, denn ohne die Möglichkeit, im Inland zinsgünstige Kredite aufzunehmen, wird die brasilianische Wirtschaft keinen Wachstumsschub erleben. Und im Ausland Geld aufzunehmen, diese Möglichkeit haben nur Konzerne, dem Mittelstand ist dieser Weg versperrt.

Auf Maßnahmen der Zentralbank zu warten, hat wenig Zweck, denn diese hat den Leitzins (noch nicht ausreichend) gesenkt, aber die Banken haben diese Senkung bei ihren Kreditvergaben nicht proportional begleitet. Der Grund dafür ist einfach, wird aber meist übersehen. Die Banken haben einen Kunden, der den Großteil ihrer Mittel als Kredit aufnimmt und das, ohne über die Schuldzinsen zu klagen. Kein Wunder, denn diese müssen nicht durch harte Arbeit verdient werden, denn zu ihrer Begleichung wird das Steueraufkommen benutzt. Der Schuldner ist nämlich der brasilianische Staat und solange dieser seine internen Schulden nicht abbaut, spürt auch keine Bank den Zwang, Kredite verkaufen zu müssen. Und wenn Kredite gefragt sind, ist ihr Preis - sprich Zinsen - hoch.

Das dieser Mechanismus wirklich so funktioniert, hat die brasilianische Regierung in diesem Jahr bewiesen. Sie hat die Auslandsschuld praktisch auf Null reduziert und siehe da, der Preis, ausgedrückt durch das "Länderrisiko Brasilien", ist so niedrig wie nie zuvor. Bleibt also nur die Hoffnung, daß die Inlandsverschuldung genauso abgebaut wird. Allerdings ist dies wirklich nur eine vage Hoffnung, denn die Regierung hat schon angekündigt, daß es keine Haushaltskürzungen im nächsten Jahr geben wird und kann sich außerdem auf einem Rekordsteueraufkommen ausruhen, welches in diesem Wahljahr wichtig ist und schlecht ausgegeben wird.

Die Wahlen sind übrigens am 1.10.2006 und heute sieht es so aus, als ob Präsident Lula ohne Probleme im ersten Wahlgang wiedergewählt wird.

21 August 2006

Überziehungskredit in Brasilien oder "nehme ich gleich einen Strick?"

Wenn Sie die folgende Zeilen lesen, werden Sie vielleicht Sozialist. Was Gott verhüten möge, aber so wie es heute in Brasilien auszieht, nein, aussieht, kann es aber auch nicht weitergehen.

Wer 1994 einen Überziehungskredit per “cheque especial" von 1.000 R$ in Anspruch genommen hat, der schuldet der Bank heute 1,6 Mrd. R$. Da staunt der Schuldner und der Bankfachmann reibt sich die Hände. Und dabei sieht der mittlere Zinsatz von 10,3 % so harmlos aus! Aber es handelt sich um den auf einen Monat bezogenen Zinssatz und da sieht die Sache schon anders aus, vor allem, weil wir es mathematisch mit Potenzrechnung zu tun haben. Und wenn eine Kurve exponentiell ist, da kann man ruhig von explosionsartigem Verhalten sprechen. Die Schuld wäre nämlich um unglaubliche und unbezahlbare 164.446.468 % gewachsen!

Zum Vergleich nehmen wir an, der fragliche Zeitgenosse hat keine Schulden gemacht, sondern 1.000 R$ angelegt. Dann müßte er sich heute wohl einen eigenen Airbus leisten können, um auf seine Insel zu fliegen? Weit gefehlt. Hätte er das Geld auf seinem Sparkonto gelassen, wären daraus 5.245,55 R$ geworden, also ein Zuwachs von 428,1 %. Bei einer Anlage wie dem DI-Fond, der sich am Leitzins orientiert, wären es schon 15.559,02 R$ gewesen, also ein Zuwachs von 1.455,9 %. Und der ach so beliebte Dollar hätte die 1.000 R$ auf 2.140,00 R$ gebracht, also ein Zuwachs von mageren 114 %.

Da erübrigt sich jeder Kommentar. Ich frage mich nur, warum unser sozialistischer Präsident so gute Umfragwerte hat, nach denen er wahrscheinlich am 1.10.2006 im ersten Wahlgang für eine zweite Amtsperiode gewählt werden wird.

18 August 2006

Brasiliens Währungsreserven und der Kurs des R$

Die € - R$ - Kursentwicklung der letzten drei Monate:

Anfang 1998, als der Wechselkurs des R$ noch nicht freigebenen war, lagen unsere Währunsreserven etwas über 74 Mrd. US$. Nach der Wechselkursfreigabe und wiederholten Abwertungsschüben ging es dann bergab mit den Dollars der Zentralbank. Aber seit dem 17.8.2006 hat sie wieder über 70 Mrd. US$ gehortet, was auch daran liegt, daß die brasilianische Zentralbank fleissig US$ kauft, um dessen Kurs zu stützen. Wie sich dies ausgewirkt hat, sehen Sie auf den Charts, die aber wegen der meist europäischen Herkunft der Blogleser den R$ - Kurs gegenüber dem € wiedergeben (1 Jahr, 2 Jahre, 5 Jahre):

10 August 2006

Länderrisiko Brasilien und Lebenshaltungskosten

Gestern, am 9.8.2006, war es endlich soweit! Das Länderrisiko Brasiliens lag unter dem Mittelwert der übrigen Schwellenländer (ohne Argentinien) und erreichte mit 208 den bisher tiefsten Wert der Geschichte. Mit Fug und Recht kann jetzt unser Präsident Lula sagen: " Noch nie in der Geschichte Brasiliens...etc. etc. etc.", was eben Politiker so sagen. Wenn er sich die nebenstehende Graphik (Quelle: O Estado de São Paulo vom 10.8.2006) ansehen würde, müßte er eingestehen, daß der bisherige Höchstwert, der am 27.9.2002 erreicht wurde, auch auf ihn zurückzuführen ist, nämlich auf die Angst der Bevölkerung vor einem Arbeiterparteipräsidenten, der Staatspräsident werden wollte ... und es wurde ... und es wahrscheinlich wieder werden wird.

Die UBS-Bank hat neue Daten über das Lebenshaltungskostenranking von 71 Großstädten in aller Welt herausgegeben. Die teuersten Städte der Welt sind demnach Oslo, London, Kopenhagen, Zürich und Tokio, die billigsten Manila, Neu Delhi, Buenos Aires, Bombai und Kuala Lumpur. São Paulo erscheint auf Platz 42 (2005: 51) und Rio auf 43 (2005: 57), beide brasilianischen Städte halten einen Rekord in der Steigerung der Lebenshaltungskosten, was von UBS mit der 60%igen Aufwertung des R$ erklärt wird. Die Aufwertung macht bei der hier vorliegenden Dollarbetrachtung sicher sehr viel aus, aber ein Teil ist auch auf die Inflation zurückzuführen, die man aber in Brasilien "im Griff hat". Dazu kommt, daß bei 14 ausgewählten Berufen die Entlohnung im Mittel in São Paulo 5,60 US$/h und in Rio 4,20 US$/h beträgt. Das ist zwar mehr als die 2,00 US$/h, die in Peking oder die 1,40 US$/h, die in Neu Delhi gezahlt werden, aber wenig im Vergleich zu den Werten von Kopenhagen (26,90 US$/h) und Genf (25,20 US$/h). Ein Grundschullehrer verdient z.B. in São Paulo 6.400 US$, aber nicht im Monat, sondern im Jahr, während der Kollege in Zürich 72.100 US$ pro Jahr erhält, wobei die unterschiedliche Arbeitszeit hier nicht berücksichtigt ist. Noch ein Beispiel, ein Omnibusfahrer in São Paulo hat ein Jahresgehalt von 5.900 US$, sein New Yorker Kollege 47.000 US$. Ein Maurer in São Paulo lebt von 4.000 US$ im Jahr, das ist weniger als 10 % dessen, was ein Maurer in New York verdient. Selbst ein Ingenieur verdient im Mittel in São Paulo mit 27.000 US$ pro Jahr viel weniger als sein Kollege in New York, der mit 85.000 US$ jährlich entlohnt wird. Aber wir führen wenigsten in der Urlaubskategorie, denn von allen betrachteten Städten haben wir in Rio und São Paulo die meisten Urlaubstage. Es sind 30 gegenüber einem Mittelwert von 20, wobei Singapur mit 12 und Peking mit 9 Urlaubstagen seine Arbeitnehmer besonders schlecht behandelt. Folgerichtig arbeiten die Asiaten mehr Stunden als die übrigen Arbeitnehmer sonst auf der Welt. Der Mittelwert beträgt 1.800 h im Jahr, in Seoul sind es 2.300 h und in São Paulo 1.736 h und in Rio 1.709 h. Wobei wieder mal bewiesen wurde, daß wir in São Paulo fleißiger als die Cariocas sind, aber der Unterschied ist mit 27 h im Jahr auch nicht sooooo groß. Übrigens arbeitet man in Paris nur 1.400 h jährlich und in Berlin 1.600. Ach wäre ich doch in Düsseldorf, nein, Berlin geblieben!

04 August 2006

Ein Loch in Deutschland...

...tut sich auf, wenn ich mir die geografische Position der Leser von BRASILIEN AKTUELL ansehe. Hier sehen Sie, wo die mitteleuropäischen Leser der letzten zwei Tage herkommen und merkwürdigerweise ergibt sich ein ähnliches Bild auch für die letzten Monate. Jetzt frage ich mich (und meine Leser), woran dies liegt? Gibt es brasilienresistente Zonen in Deutschland? Bitte klären Sie mich auf!

01 August 2006

Musterversand nach Brasilien

Wir, d.h. meine Firma Eurolatina, erhielten heute ohne Probleme per DHL eine Mustersendung mit Hautreinigungs- und -pflegemitteln. Der vom Absender angegebene Wert betrug 17,56 US$, umgerechnet 38,60 R$. Darauf müssen 60 % Importzoll bezahlt werden, also 23,16 R$, ergibt 61,76 R$. So weit, so gut. Jetzt müssen auf diese Summe 18 % Warenumlaufsteuer ICMS bezahlt werden, das sind nach meiner (Milchmädchen-) Rechnung 0,18 x 61,76 = 11,12 R$. Aber die uns geschickte Quittung mit dem schönen Namen RECIBO DE LIBERAÇÃO ALFANDEGARIA (DDU/NoC S10) zeigt einen anderen Wert, nämlich 13,56 R$. Also aufpassen, wenn Sie in Brasilien Steuern berechnen! Der Zollbetrag wurde durch Multiplizieren berechnet, aber die Warenumlaufsteuer nicht. Die richtige Rechnung ist jetzt nämlich 61,76 / ((100 - 18) / 100)) = 75,32 R$, also beträgt die ICMS 75,32 - 61,76 = 13,56 R$. Raffiniert, oder? Immerhin beträgt der Unterschied beider Rechnungsweisen 13,56 - 11,12 = 2,44 R$, hier handelt das Finanzamt also nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist!". Wie schön, die Firma, die uns die Muster laut Rechnung "free of charge" mit dem Zusatzvermerk "value for customs purposes only" schickte, erhält keinen Cent und wir mußten an DHL 75,32 R$ zahlen! Aber immerhin, wir haben die Muster, die am 27.7. in Deutschland abgeschickt wurden, am 31.7. erhalten, trotz des Wochenendes! Das ist nach unserer Erfahrung ein Rekord, vor allem bei Kosmetika, die vom Dermatologen verschrieben werden.

PS: Bitte klicken Sie in die Überschrift, dann kommen Sie zum Site unseres Partnerbüros in Buenos Aires!

31 Juli 2006

Skype oder Jajah?

Meine Telefonrechnungen sind extrem hoch, privat und geschäftlich, denn sowohl ein großer Teil meiner Familie als auch viele Kunden leben ca. 10.000 km von mir entfernt. Skype war eine Option, meine Telefonrechnungen zu "entschärfen", aber über das im Computer eingebaute Mikrofon und den zugehörigen Lautsprecher zu telefonieren, ist qualitativ unbefriedigend und läßt jeden in der näheren Umgebung mithören. Eine Alternative wäre ein unbequemer Kopfhörer mit Mikrophon oder ein Zusatzgerät, welches programmiert werden muß, um das normale Telefon zu benutzen.

Jetzt habe ich eine wesentlich bessere Lösung im Einsatz, im Internet unter http://www.jajah.com zu finden. Man registriert sich und kann ohne Programmierung und zusätzliche Hardware sein normales Telefon, auch das Handy, für die Internettelefonie benutzen. Die Eingabe der gewünschten Telefonnummer in http://www.jajah.com/members reicht (es gibt auch ein online - Telefonbuch zum Anklicken der Nummer), man erfährt die Kosten pro Minute des Telefongespräches und klickt TELEFONIEREN und kurz darauf klingelt das eigene Telefon. Man wartet dann nur noch, daß der gewünschte Gesprächspartner sein Telefon abhebt und ist verbunden. Anschließend kann man sofort nachsehen, was das Gespräch gekostet hat. Und Gespräche zwischen bei Jajah registrierten Teilnehmertelefonanschlüssen sind kostenlos! Deshalb lohnt sich dieser Service auch für deutsche Vieltelefonierer, die über spezielle Vorwahlen im Vergleich zu mir in Brasilien extrem billig telefonieren können, denn ich kann sie kostenlos anrufen. Und ein solcher direkter Kontakt ist wesentlich besser als eine E-Mail!

Einziges Problem in Brasilien, man kann seine Rechnungen nicht per Kreditkarte bezahlen, aber z.B. per Banküberweisung ein Guthaben anlegen und dann abtelefonieren. Warum? Ich habe gefragt und eine schriftliche Auskunft bekommen: In Brasilien gäbe es soviele Versuche, Kreditenkartenbetrug zu begehen, daß man sich entschieden habe, das Land zwar zu bedienen, aber nur gegen Vorkasse. Spricht nicht gerade für mein schönes Gastland, oder?

27 Juli 2006

Brasilien erlaubt Exporteuren Fremdwährungskonten im Ausland

Endlich wurde ein Gesetz aus dem Jahr 1930 geändert und Brasiliens Exporteure können ihre Einnahmen in Fremdwährung im Ausland behalten und sogar direkt für die Bezahlung von Fremdwährungsverpflichtungen benutzen. Bisher mußte das Geld nach Brasilien transferiert werden, wurde hier zwangsumgetauscht und dann in R$ dem Exporteur gutgeschrieben. Zum Begleichen seiner Auslandsverbindlichkeiten mußte dieser dann Fremdwährung kaufen und ins Ausland transferieren, was nur mit Zentralbankgenehmigung möglich war. Allerdings sieht die neue Regelung vor, daß nur ein Teil der Exporteinnahmen im Ausland bleiben darf, man spricht z.Z. von 30 %. Typisch ist mal wieder, daß ein Gesetz geändert wird, die Ausführungsbestimmungen aber noch unklar sind. Bei Geschäften bis 3000 US$ soll künftig kein vertraglicher Kursschluß mehr nötig sein. In brasilianischen Dutyfreeshops soll jetzt auch mit R$ eingekauft werden können. Zuletzt sollen Firmen noch ihre Auslandsinvestitionen rückwirkend bis 2004 bei der Zentralbank registrieren können, was für den Transfer von Gewinnen und Dividenden wichtig ist. Alles dies soll, wie die Regierung es in typischer Schönfärberei sagt, nicht dazu beitragen, daß der R$ geschwächt, sondern daß der US$ gestärkt wird. Diese Wortwahl erinnert mich sehr an negatives Wachstum oder Nullwachstum. Warum wird dem Wähler so selten die unverblümte Wahrheit gesagt? Abschließend noch zwei Zahlen: Die Regierung erwartet durch diese Maßnahmen einen CPMF - Steuerausfall von 200 Mio. R$ und eine Reduzierung des Fremdwährungseinganges um 20 Mrd. US$. Warten wirs ab, nach der Verkündigung des Paketes fiel der US$ jedenfalls erstmal. Hier sehen Sie die für Europäer interessantere € - R$ - Kursentwicklung der letzten 5 Tage und der letzten 2 Jahre.

26 Juli 2006

Atomkraftwerke in Brasilien

Angra I und II erzeugen Elektroenergie für 98,64 R$ / MWh, das noch nicht gebaute Kraftwerk Angra III wird diese Kosten mit 138 R$ / MWh ziemlich übersteigen. Trotzdem plant die Eletronuclear fünfzehn weitere Atomkraftwerke bis 2035, um dem Energiebedarf Brasiliens gerecht zu werden. Das erfordert ca. 30 Mrd. US$ Investitionen, wohl dem, der liefern darf! Angra II hat übrigens 10 Mrd. R$ gekostet, 7 Mrd. R$ davon wurden für Zinsen "verbraten". Kurz nach der Einweihung von Angra II betrugen die Kosten der durch Kernspaltung freiwerdenden Energie 45 R$ pro MWh gegenüber damals 35 R$ pro MWh eines Wasserkraftwerkes. Die erforderlichen Investitionen wurden mit 6000 US$/kW für ein Kernkraftwerk gegenüber 100 US$/kW für ein Wasserkraftwerk angegeben.

Für 2005 liegen die Kosten für die Stromerzeugung durch Atomkraftwerke bei 20 bis 50 US$/MWh, für Kohlekraftwerke werden sie mit 25 bis 60 US$/MWh angegeben und für Naturgaskraftwerke sind es 37 bis 60 US$/MWh. Quelle: World Nuclear Association. Wissen Sie übrigens, was das Gute an der WNA ist? Sie verwechselt nicht MWh mit MW oder MW/h wie es unsere brasilianische Presse tut.

Egal, ob die Atomkraftwerke gebaut werden und ob es dann doch Wasserkraft- oder Naturgaskraftwerke sein werden, auf jeden Fall tut sich hier eine gute Chance für spezialisierte ausländische Zulieferer auf.

24 Juli 2006

Welthandel und Royalties

Die Welthandelsorgaisation hat in ihrem Bericht über 2005 einen Rekordwert bekanntgegeben, das erste Mal in der Geschichte unseres Planeten hat das Welthandelsvolumen 10 Billionen US$ überschritten. Das deutsch - brasilianische Handelsvolumen machte davor mit 11 Mrd. US$ nur 0,11 % aus, ist also durchaus entwicklungsfähig. Ob es sich aber entwickeln wird, ist eine andere Frage, denn was schreibt A.T. Kearny im Globalisierungsbericht 2005? Lesen Sie selbst:

Zitat aus der A.T.Kearney Pressemittteilung DEUTSCHLAND DROHT BEI GLOBALISIERUNG ANSCHLUSS ZU VERLIEREN vom 6.7.2006:

"Entgegen dem weltweiten Globalisierungstrend sorgt vor allem die mangelnde wirtschaftliche Integration dafür, dass Deutschland um weitere drei Plätze auf Rang 21 abgerutscht ist. „Vor allem die sehr zögerlichen grenzüberschreitenden
Direktinvestitionen (FDI) und das nahezu stagnierende internationale Handelsvolumen – die beide in Relation zum Bruttoinlandsprodukt in den Index einfließen – sind die Gründe für das schlechte Abschneiden Deutschlands“, sagt Paul A. Laudicina, Leiter des A.T. Kearney Global Business Policy Council (GBPC): „Das Handelsvolumen konnte zwar trotz des schwachen Dollars den Vorjahreswert übertreffen, doch die ausländischen Direktinvestitionen sind auf ein Drittel des Vorjahres zurückgegangen.“ In der Kategorie wirtschaftliche Integration belegt Deutschland dadurch lediglich Rang 43. Neben mittleren Platzierungen in den Bereichen soziale Integration (Rang 29) und technologische Vernetzung (Rang 17) findet sich Deutschland lediglich in der Kategorie politisches Engagement unter den Top Ten wieder (Rang 8). Dabei honoriert der Index die weltoffene Politik und das Engagement Deutschlands in internationalen Organisationen mit einem
zweiten Rang in der Unterkategorie Engagement in internationalen Organisationen. "

Um zu dieser Schlußfolgerung zu kommen, wurden diese vier Bewertungskategorien mit ihren zwölf Unterkategorien

1. Wirtschaftliche Integration: Verhältnis von internationalem Handelsvolumen und grenzüberschreitenden Direktinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt (BIP)
2. Soziale Integration: Internationale Reisetätigkeit und Tourismus, Telefonverkehr, private Auslandsüberweisungen
3. Technologische Vernetzung: Anzahl Internet-User & -Hosts, sichere Server
4. Politisches Engagement: Mitgliedschaft in bedeutenden internationalen Organisationen, personelle und finanzielle Beiträge zu friedenserhaltenden UN-Maßnahmen, Ratifizierung internationaler Abkommen, Transferzahlungen der Regierung

zur Bildung eines Globalisierungsindexes benutzt, nach dem sich folgende Globalisierungsrangreihe ergab:

1. Singapur
2. Irland
3. Schweiz
4. USA
5. Niederlande
6. Kanada
7. Dänemark
8. Schweden
9. Österreich
10. Finnland
11. Neuseeland
12. Großbritannien
13. Australien
14. Norwegen
15. Tschechische Republik
16. Kroatien
17. Israel
18. Frankreich
19. Malaysia
20. Slowenien

Und jetzt suchen Sie Deutschland, oder? Sie werden es finden, aber nicht unter den ersten 10 und nicht unter den ersten 20 Ländern, erst auf Platz 21 erscheint es und hat sich damit als Exportweltmeister ein dicke Rüge verdient.

Was Patente pro Kopf angeht, steht Deutschland nach wie vor nicht schlecht da, immerhin befindet es sich nach den USA und Japan auf Platz 3, darf also aufs Treppchen, hört aber nicht die eigene Nationalhymne.

2000 zahlte Brasilien 1,4 Mrd. US$ Royalties, 2004 waren es nur noch 1,2 Mrd. US$. Das geht klar gegen den Trend wie er sich in anderen Schwellenländer wie China, Mexiko und Indien zeigt. Weltweit betrug die Summe aller 2004 gezahlten Royalties 130 Mrd. US$, der Anteil Brasiliens war also 1,1 %. 2004 nahmen die USA 52,6 Mrd. US$ mit diesen Zahlungen ein, Europa kam auf 35 und Japan auf 15.

23 Juli 2006

Elektroenergie: Stromerzeugung und -verteilung

Nachdem große Firmen wie (die französische) EDF, Alliant und El Paso, die sich an der Privatisierung des Elektoenergiesektors beteiligt hatten, das Land wegen der Änderung der Spielregeln durch die Regierung Lula verlassen haben und Duke Energy, Eigentümer von acht Wasserkraftwerken, ebenfalls unzufrieden sein soll, aber keine Möglichkeit sehe, sich zurückzuziehen, ändern sich die Eigentumsverhältnisse in diesem Sektor. Es gibt nämlich brasilianische Gruppen, die ihr Geschäft im Stromversorgungssektor ausbauen wie Andrade Gutierrez und Cemig, die die Light kauften sowie die GP-Gruppe, die in Nordbrasilien andere EVUs kaufen möchte.

Vom jährlichen Umsatzvolumen her ist der Sektor mit mehr als 100 Mrd. R$ sehr interessant, das finden auch Brascan, Enel, Interconéxion Eletrica (ISA), Montana Dakota Untilities (MDU) und Abengoa, die fertige Kraftwerke oder Verteilernetze übernahmen. Neu ist, daß sich auch Agrobusinessfirmen und Zulieferer der EVUs Eingang zur Energieerzeugung und -verteilung verschaffen wollen, wie die Beispiele von Dedini (Kesselbauer und Kraftwerksmonteur) und Cosan (Zucker- und Alkoholfabrikant) zeigen.

Die kanadische Brascan Energética kontrolliert bereits zwölf kleine Wasserkraftwerke und baut weitere drei in Goiás, Santa Catarina und Mato Grosso. Weitere drei seien geplant. Im selben Bereich investierte der größte Stromerzeuger Italiens, die Enel-Gruppe, über ihre lateinamerikanische Vertretung, die von der Grupo Rede elf Wasserkraftwerke für 450 Mio. R$ kaufte.

Die US-Firma MDU will in Kooperation mit Copelmi, Andrade Gutierrez und Eletrobrás für 800 Mio. US$ ein Kohlekraftwerk in Rio Grande do Sul bauen, welches Seival heißen wird. MDU gehört auch zu einem Konsortium, welches noch Cemig und Brascan umfaßt. Dieses will von der Schahin-Gruppe die Konzession für fünf Hochspannungsleitungen mit einer Gesamtlänge von 2.143 km erwerben. Als große Konkurrenten treten hier die spanischen Firmen Abengoa und Isolux auf, die heute je sechs Übertragungsleitungen besitzen. Selbst die Kolumbianer engagierten sich, die ISA kaufte die Companhia de Transmissão de Energia Elétrica Paulista - Cteep für 1,19 Mrd. R$.

Ab 2012 soll Elektroenergie wieder knapp werden, wenn der Bau neuer Kraftwerke weiter durch die Umweltschutzbehörde verzögert wird. Auf jeden Fall haben Zulieferer des Elektroenergiesektors in den nächsten Jahren einen vielversprechenden Markt in Brasilien. Und wir als Verbraucher hoffentlich genug Energie. Zumindestens sind die Versorgungsausfälle, wie sie 1978, als ich ins Land kam, die Regel waren, sehr selten geworden.

20 Juli 2006

Das Eurolatinabüro


Für die, die neugierig sind, wo dieser Blog geschrieben wird, hier sehen Sie im Obergeschoß das Eurolatinabüro (die rechte Hälfte des Gebäudes).

Zinsentwicklung per 20.7.2006


Obige Graphik wurde am 20.7.2006 im ESTADO DE SÃO PAULO veröffentlicht. Der nominale Leitzins ist danach so niedrig wie seit 31 Jahren (!!!) nicht mehr, aber trotzdem zahlen Otto Normalverbraucher und auch Graf Koks von der Gasanstalt immer noch die höchsten Realzinsen der Welt. Aber zum Ausgleich sind ihre Habenzinsen wesentlich niedriger, die Banken gönnen sich ja sonst nichts. Bitte glauben Sie jetzt nicht, daß ich Sozialist bin - im Gegenteil! Aber das Argument der Banken für den weiterhin exorbitanten Spread, daß nämlich das Risiko sehr hoch sei, ist gelinde gesagt, unglaubwürdig. Beziehungsweise erinnert mich an sich selbst erfüllende Vorhersagen. Denn der Kreditnehmer muß sehr hohe Zinsen zahlen, deshalb hat er Probleme mit der Rückzahlung und wegen dieser Probleme müssen die Zinsen hoch sein, weil das Risiko hoch ist. Lächerlich und frühkapitalistisch,nach dem Motto, wenn es Brei regnet, muß man den Löffel raushalten. Der ESTADO DE SÃO PAULO erwähnt noch, daß der brasilianische Realzins, also unter Abzug der Inflation der nächsten 12 Monate, immer noch den Weltrekord hält. Er beträgt stolze 9,9 % im Jahr, Malaysia bringt es auf 9,3 %, Singapur auf 7,1 %, Hong Kong auf 4,7 % und die früher so geschmähte Türkei nur noch auf 4,5 %! Interessant übrigens die Anwesenheit von Tigerstaaten in dieser Aufzählung.

Und wer hat die Schuld an der schlechten Position Brasiliens? Natürlich die Regierung und die bei uns von ihr abhängige Zentralbank, denn wenn diese mehr Inflation zuließen, würde der Realzins niedriger sein! Oder nicht? Denn wenn die Inflation höher wäre, würde auch der Leitzins angehoben werden, eine Schraube ohne Ende.

Der Leitzins wird übrigens zum Jahresende von den Auguren bei 14 % gesehen, kein Wunder, daß das ausländische Geld, was in Brasilien investiert wird, zum großen Teil in zinsbringende und nicht in produzierende Anlagen gesteckt wird. Und wenn der Leitzins weiterhin so schüchtern reduziert wird, wird sich daran nicht viel ändern.

Zum Schluß noch eine Anmerkung zum Wechselkurs. Die angekündigte Reform läßt auf sich warten, aber vielleicht schon in der kommenden Woche wird es endlich wahr und brasilianische Exporteure können die eingenommende Hartwährung im Ausland deponieren und zum Bezahlen von Verpflichtungen aus ihren Importen benutzen. Bis jetzt scheitert diese für eine moderne Volkswirtschaft eigentlich selbstverständliche Regelung daran, daß sie einen Steuerausfall von 200 Mio. R$ im Jahr bedeutet, denn hier bei uns wird ja jede Kontenbewegung besteuert. Und die Regierung versucht noch, eine Möglichkeit zu finden, diesen Ausfall zu kompensieren. Mein Vorschlag dazu: weniger aufwendige und augenauswischende Propaganda, diese kostet mehr als das Doppelte im Jahr.

11 Juli 2006

Inflation, Zinsen und Wachstum

Der IPCA - Index wies im Juni mit - 0,21 % Deflation aus, ein seit August 1998 unerreichter Wert, der darauf hindeutet, daß das Jahresziel von 4,5 % unterboten werden wird. Der Leitzins wird von den „Experten“ schon bei 13,75 bis 14,5 % am Jahresende gesehen. Ich habe die Anführungsstriche gesetzt, um anzudeuten, daß auch Experten die Zukunft nicht voraussagen können und außerdem ist es bei dem Abstand des Leitzinses zu den von den brasilianischen Banken, egal ob privat oder staatlich, praktizierten Sollzinsen völlig unerheblich, ob der Leitzins 14,5 oder 9 % im Jahr beträgt, wenn der Kreditnehmer über 50 % zahlen muß. Wer wissen will, warum wir Deflation haben, kann die Gründe hier finden: Billige Importe durch den starken Real und niedrige Alkohol- und Lebensmittelpreise.

Mit fallender Inflation wächst Brasiliens Wirtschaft zur Freude der Regierung, zum Leidwesen der Industrie, des Handels und der Verbraucher / Arbeitnehmer aber nicht so stark, wie sie könnte und sollte. Zwischen 1999 und 2002 wuchs das BIP durchschnittlich um 2,2 % im Jahr, aber weltweit um 3,5 %. Zwischen 2003 und 2006 wird Brasilien durchschnittlich um 2,9 % gewachsen sein, vorausgesetzt, wir schaffen dieses Jahr 4 %. Aber weltweit werden 4,8 % erreicht werden, also hängt sich Brasilien in Wirklichkeit vom Rest der Welt ab. Aber das ist ja eine Spezialität der jetzigen Regierung, wie die Entscheidung für das japanische digitale TV-System zeigt, welches in einer modifizierten (hier heißt es „weiterentwickelten“) Form in Brasilien eingeführt werden und dann einmalig in der Welt sein wird. Was unsere Exportchancen für im Lande hergestelle Fernseher enorm verbessert, oder?

Aber trotzdem ist Brasilien kurz davor, von R&I als sicheres Land für ausländische Investitionen eingestuft zu werden, denn das Rating wurde Anfang Juli 2006 von BB- auf BB+ heraufgesetzt. Andere Ratingagenturen sehen Brasilien weniger optimistisch, bei Fitch und Standard & Poors ist Brasilien 2 und bei Moody’s sogar noch 3 Stufen von der ersehnten Einstufung als sicheres Investitionsland entfernt. Aber da Länder mit schlechteren volkswirtschaftlichen Daten besser als Brasilien eingestuft sind, verdient das Land vielleicht wirklich ein besseres Rating. Oder benötigt es nur eine bessere Regierung?

Unerwarteterweise wächt die brasilianische Industrie signifikant, aber in den exportintensiven Sektoren wie Zellulose, Leder, Tabak, Holz und Fleisch deutlich weniger als in den anderen. Einige vom Glück begünstigte Branchen konnten ihre Produktion in den letzten Monaten fast verdoppeln, z.B der Philipps - Konkurrent Semp &Toshiba, der per Mai 1,3 Mio. Fernsehgeräte auslieferte, 80 % mehr als im identischen Vorjahreszeitraum. Bis Dezember rechnet die Firma mit einem 20%igen Wachstum. Die DVD - Produktion wuchs per Mai schon um 60 % und die von PCs um 100 %. Radios, Stereogeräte etc. wuchsen bei den teuren Geräten um 60 %, die billigeren Modelle legten um 100 % zu, trotz des schlechten Abschneidens der brasilianischen Fußballnationalmannschaft.
Aber auch der Zucker- und Alkoholsektor profitierte, die Usina Cerradinho z.B. weihte eine neue Anlage zur Verarbeitung von 1,7 Mio. to Zuckerrohr jährlich ein, damit übersteigt die Verarbeitungskapazität der Gruppe 4 Mio. Jahrestonnen. Der Zuckerpreis erhöhte sich übrigens in den letzten 12 Monaten um ca. 90 %, das sei wenigstens nebenbeibemerkt. Als letztes Beispiel will ich Caterpillar nennen, die aufgrund der wahlbedingten Infrastrukturinvestitionen der Regierung mehr schwere Baumaschinen verkauft und dadurch die Produktion für den Inlandsmarkt um 10 % steigern konnte.

03 Juli 2006

Politik und Wirtschaft

Politik und Wirtschaft beeinflussen sich gegenseitig. Normalerweise kommentiere ich als Gast, wenn auch mit Daueraufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, in Brasilien nicht die Politik, aber da ich Empfehlungen für oder gegen eine Geschäftstätigkeit in und mit Brasilien ausspreche, muß ich darauf hinweisen, daß ca. 20 % der aktuellen Kongressmitglieder wegen des Verdachts auf Beteiligung an Bandenbildung, Wirtschaftsverbrechen, Korruption, Betrug, Erpressung, Urkundenfälschung, Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Diebstahl, Schmuggel und weiterer Delikte die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft genießen.

Der Flughafen Congonhas

Der Stadtflughafen Congonhas von São Paulo (es gibt noch den Regionalflughafen Campo de Marte, der von Privatpiloten benutzt wird, und den internationalen Flughafen Cumbica in Guarulhos, dazu etwas weiter entfernt den Frachtflughafen Viracopos bei Campinas) wurde 2005 von 17.000.000 Passagieren benutzt und hatte durchschnittlich 620 Flüge pro Tag. Die 1940 m lange und 45 m breite Hauptpiste wird jetzt im August repariert werden, anschließend ist Anfang 2007 die 1435 m lange und 49 m Hilfspiste an der Reihe. Brasilien hat übrigens 124 Flughäfen, die von kommerziellen Fluglinien angeflogen werden.

27 Juni 2006

Berg- und Talfahrt des € und des R$

Brasilien übernimmt japanische Norm für das digitale Fernsehen

Am 29.6.2006 wird Brasilien die Übernahme der japanischen Digitalfernsehnorm offizialisieren, trotz der Anstrengungen der EU, das hochauflösende europäische System in Brasilien einzuführen. Ob dies die technisch beste Entscheidung ist? Hinter den Kulissen wird gemunkelt, dass die hiesigen TV-Betreiber Einfluß genommen hätten, um ihre Umstellungskosten möglichst niedrig zu halten. Wenn es einen Verlierer gibt, ist es wahrscheinlich der Verbraucher - neben den nicht zum Zuge gekommenden Lieferanten der EU. Aber wenigsten machen dann die Plasmabildschirme Sinn, die heute beim Analogfernsehen die Fußballweltmeisterschaft nicht immer zu einem Augenschmauß werden lassen - von den roten Karten etc. mal abgesehen.

Stahl in der Welt und in Brasilien

Der planetarische Konzentrationsprozeß ist nicht aufzuhalten, nachdem Mittal sich erfolgreich bei Arcelor durchgesetzt hat, übernahm Phelps Doge die kanadischen Inco und Falconbridge für 40 Mrd. US$ und wurde damit zum fünftgrößten Bergbaukonzern der Welt. Nicht zu vergessen Johnson & Johnson, die von Pfizer die Sparte für nicht verschreibungspflichtige Medikamente übernahmen. Damit wechselten ca. 110 Mrd. US$ den Eigentümer - in weniger als 100 Stunden! Bis Jahresende soll sogar ein M&A -Geschäftsvolumen in der Größenordnung von 3,5 Billionen US$ erreicht werden. Und in Brasilien werden Überlegungen laut, die Stahlerzeuger Usiminas, Cosipa, CSN und Açominas zusammenzulegen. Die Rangfolge beim Stahl sieht jetzt so aus:

Mio. to Stahl / a
109,7 Mittal + Arcelor (Holland + Luxemburg)
32,0 Nippon Steel (Japan)
30,5 Posco (Südkorea)
29,9 JFE (Japan)
23,8 Baosteel (China)
19,3 US Steel (USA)
18,4 Nucor (USA)
18,2 Corus Group (Grossbritannien)
17,5 Riva (Italien)
...
13,7 Gerdau (Brasilien)
...
8,7 Usiminas (Brasilien)
...
5,2 CSN (Brasilien)

Die private, von einem deutschen Auswanderer gegründete Gerdau nimmt immerhin den 14. Platz weltweit bei den Stahlkochern ein. Übrigens wird die neue Mittal - Arcelor bei Forbes nur den 40. Platz der weltgrößten Firmen einnehmen. In Brasilien gehören zu Arcelor die Firmen Companhia Siderúrgica Belgo -Mineira, Vega do Sul und CST - Companhia Siderúrgica de Tubarão.

22 Juni 2006

Das brasilianische Gesundheitssystem

Gestern war ich für einen deutschen Kunden auf der HOSPITALAR in São Paulo, einer Messe, die der deutschen MEDICA entspricht, nicht ganz so groß, aber immerhin mit 1000 Ausstellern, davon 290 ausländische aus 32 Ländern. Die Wichtigkeit dieser Messe leitet sich aus der des brasilianischen Gesundheitssystems ab, welches immerhin vom Wert her 6,5 % des BIP ausmacht. Umsatzmäßig sind dies 136 Mrd. R$ im Jahr. Das System beschäftigt 2 Millionen Menschen direkt und weitere 5 Millionen indirekt. Brasilien verfügt über 309.000 Ärzte, 125.000 "Gesundheitseinrichtungen", 6172 Hospitäler, von denen 58 % privat sind, 500.000 Krankenhausbetten und - man staune - 2.129 Krankenversicherungen!

Als ich die Hospitalar betrat, wähnte ich mich im alten Ägypten, denn - wie bei der Paßkontrolle für Ausländer am Flughafen - werden die Formulare für den Eintritt zur Messe in der Warteschlange (ich genoß sie 45 Minuten) auf korrektes Ausfüllen überprüft und einigen Besuchern wird beim Ausfüllen geholfen. Die überprüften Formulare werden gestempelt, damit der Messemitarbeiter, der die Daten in einen Computer eingibt, sie nicht prüfen muß. Und ausgefüllt werden muß u.a. die Steuernummer - fragen Sie mich nicht, warum.

Parkplatz:

Warteschlange:

Deutscher Pavillon:

Messebesucher:

16 Juni 2006

Brasilieninformationen aus erster Hand

Tätig werden in Brasilien möchten viele, aber wo und wie, das ist die Frage. In vielen Brasilienveranstaltungen wird nur oberflächlich auf sie eingegangen.

Das möchte die IHK Pfalz ändern und bietet ein ganztägiges Seminar für ernsthafte Interessenten an, auf dem ich einen halben Tag über die Branchen sprechen werde, die deutschen Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten bieten. Der zweite Teil wird von Herrn Papoli-Barawati, Rechtsanwalt in Osnabrück, bestritten, der die rechtlichen Aspekte des Brasiliengeschäftes beleuchten wird. Wer sich für die Veranstaltung interessiert, sollte mit Frau Kim Gronemeier von der IHK Pfalz unter kim.gronemeier@pfalz.ihk24.de Verbindung aufnehmen. Wer darüber hinaus besondere Themenwünsche hat, kann mir diese mitteilen, noch ist Zeit, solche zu berücksichtigen. Meine E-Mailadresse ist karlheinz.naumann@eurolatinainternational.com.br oder für den, der kürzere Adressen bevorzugt, k.k.naumann@mac.com. Das Seminar findet am 28.9.2006 in Ludwigshafen statt.

Vom 24.11. bis 2.12.2006 findet eine Unternehmerreise nach Rio de Janeiro und São Paulo statt, die von der IHK Essen veranstaltet wird. Details nennt Ihnen Herr Slomke slomke@essen.ihk.de, bei dem Sie sich auch für die Reise anmelden können. Zur Vorbereitung auf diese Reise können Sie ein Seminar am 25.9.2006 in der IHK Essen besuchen, auf dem ich Hinweise für Brasilienbesucher geben und Fragen beantworten werde. Dieses nachmittägliche Seminar ersetzt nicht das Seminar der IHK Pfalz, Sie können also ruhig beide mit Gewinn besuchen!

Starker Real immer noch störend

Jedenfalls aus Sicht brasilianischer Exporteure. Wer bei uns die Autobahn benutzt, muß dafür auf den meisten schon Gebühren zahlen (keine Angst, wird in Deutschland auch über kurz oder lang für PKWs eingeführt) und kann dies, um das Warten an Mautkassen zu vermeiden, per Bankeinzug machen lassen. Dazu werden seine Fahrzeugdaten automatisch beim Vorbeifahren an einer Basisstation mittels einer terristischen Antenne erfaßt, was naturgemäß viel billiger als das deutsche LKW-Mautsystem ist, welches aber zugegebenermaßen den Vorteil bietet, daß man seine Geschwindigkeit nicht vermindern muß, um erfaßt zu werden.

Die vor 3 Jahren gegründete brasilianische Tochter des norwegischen Herstellers Q-Free solcher „tag - transponders“, wie die Geräte, die im Fahrzeug von innen an die Windschutzscheibe geklebt werden, genannt werden, hat im Vorjahr 400.000 solcher mit 140 Mitarbeitern in Campinas hergestellten Geräte nach Chile und Europa exportieren können, das waren 60 % der Gesamtproduktion. Dieses Jahr werden es wahrscheinlich nur 135.000 sein, weil sie aufgrund des starken Real einfach zu teuer geworden sind.

Diese Jahr wird auch die Vorjahresproduktion von 700.000 Einheiten nicht erreicht werden, die Firma rechnet mit nur 300.000, hat allerdings einen ersten Auftrag aus China bekommen und bemüht sich, außerhalb der Autobahnen weitere Basisstationen, z.B. auf Parkplätzen in Einkaufszentren und Flughäfen, auszurüsten. Ihr einziger Wettbewerbsvorteil gegenüber der vollautomatisierten Mutterfirma ist der billigere Lohn und die hohe Flexibilität der manuellen Montage, die eine schnelle Lieferung erlaubt, wenn manuelle Arbeiten wie das Aufkleben von Etiketten erledigt werden müssen. Wobei es verwunderlich ist, daß die Mutter in Norwegen Etiketten nicht automatisch aufkleben kann oder diese z.B. durch programmierbare Laserbeschriftung ersetzt.

Der Absatzrückgang ist übrigens ein typisches Beispiel für das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Ähnliches konnte man bei Glasfaserkabeln, wie sie volkstümlich genannt werden, beobachten. Um die großen brasilianischen Städte untereinander mit Ihnen zu verbinden, wurden etliche Fabriken zu ihrer Herstellung ins Leben gerufen, die nach Befriedigung des Bedarfes ohne Arbeit waren. Jetzt muß auf eine Preisreduzierung der Kabelfernsehanbieter gewartet werden, um den nächsten Nachfrageschub auszulösen. Falls sich der Satellitenempfang nicht durchsetzt!

15 Juni 2006

Muß Liebherr in Brasilien weiter expandieren?

Der Bergbau und die Erdöl- und Erdgasförderung wachsen unaufhörlich, was zu Kapazitätsengpässen in der Förderung führt. Liebherr z.B. baut in der Fabrik in Guaratinguetá seit knapp einem Jahr das größtes Baggermodell der Gruppe auch in Brasilien, kommt aber nicht nach. Für drei der fünf hergestellten Modelle gibt es Warteschlangen, die bis 2007 reichen. Die Firma denkt zwangsläufig über neue Kapazitäten nach.

Wer sich in diesen Boom einklinken möchte, hat gute Chancen. Der Bergbau wächst fünfmal mehr als der Durchschnitt der Industrie (BIP: +13,1 % gegenüber +2,4% in den letzten 12 Monaten) und ein Ende ist nicht abzusehen. So muß die Petrobrás früher als geplant den Abbau der Erdgasvorräte vor Santos in Angriff nehmen, dank der Verstaatlichung der bolivianischen Erdgas- und -ölindustrie. Allein die Cia. Vale do Rio Doce, der weltgrößte Eisenerzexporteur, plant Investitionen von 11,8 Mrd. R$ dieses Jahr. Weitere Daten sind bei der Câmara Setorial de Máquinas para Cimento e Mineração der Associação Brasileira da Indústria de Máquinas e Equipamentos erhältlich.

Verkauf übers Internet ein voller Erfolg in Brasilien

Nur in Brasilien leben ca. 10.000 Menschen davon, Produkte über das Portal MERCADO LIVRE zu kaufen und zu verkaufen. Der über dieses Portal erzielte Umsatz wächst jährlich um 40 %, wäre es ein "normaler" Supermarkt, gehörte dieser zu den 20 größten des Landes. 2006 soll der über das Portal erzielte Lateinamerikaumsatz 1,5 Mrd. R$ erreichen, wobei 80 % der Verkäufe Neuprodukte mit Festpreis betreffen. Mercado livre wurde 1999 nach dem Vorbild von eBay von einem Argentinier und sechs Kollegen, darunter auch einem Brasilianer, gegründet, die sich an der Universität von Stanford kennengelernt hatten. Das Portal selbst dürfte dieses Jahr mit Kommissionen mindestens 70 Mio. R$ einnehmen. Das große Vorbild eBay ist übrigens 2001 mit dem Erwerb eines Anteilspaketes von 19,5 % größter Einzelgesellschafter geworden.

Brasiliens Wirtschaftsentwicklung günstig für Investoren und den Präsidenten

Präsident Lula möchte gerne wiedergewählt werden, auch wenn er dies nicht öffentlich sagt. Und die aktuellen Wirtschaftsdaten unterstützen - verdientermaßen oder nicht - diese Wiederwahl:

Die Vorschau auf den Oktober (Wahltermin) zeigt mit 14,5 % den niedrigsten Leitzins seit 1996 und ein Wachstum von 4,1 %, die Inflation überschreitet die 0,5 % / Monat nicht, das Kreditvolumen für natürliche Personen weitet sich um 22 % aus, der Dollar liegt zum Jahresende bei 2,20 R$ und 2006 wird das Einkommen um 5,4 % steigen.

Allein die Erhöhung des Mindestlohnes von 300 auf 350 R$ im April injiziert 13,3 Mrd. R$ bis Jahresende in die Wirtschaft. Die Bauwirtschaft profitiert von Steuerentlastungen und Baukrediten in Höhe von 18,7 Mrd. R$, die Anpassung der Lohnsteuersätze um 8 % verringert das Steueraufkommen um 2,7 Mrd. R$ und füllt entsprechend die Taschen der Arbeitnehmer. Der Landwirtschaft wird durch Umschuldung und Neukredite geholfen, was die Regierung sich (und dem Steuerzahler) bis zu 13,4 Mrd. R$ kosten läßt. Diese Maßnahmen sind natürlich auch mit Blick auf den Wahltermin beschlossen worden, was das Leben des dann amtierenden Präsidenten nicht leichter werden läßt. Aber was solls, Lula kann nur einmal wiedergewählt werden, nach dem Motto: Nach mir die Sindflut.

Export nach Brasilien oder Fertigung im Lande?

Diese Fragen stellen sich viele Exportwillige, die ein Geschäft nicht wegen fehlender Wettbewerbsfähigkeit verlieren wollen. Kodak hat diese Frage für sich entschieden und wird die Digitalkamera Easyshare C360 in der Freihandelszone von Manaus von der Firma Jabil montieren lassen. Sie wird dann in Brasilien nur noch 900 R$ und nicht mehr 1.300 R$ kosten. Außer Brasilien läßt Kodak Digitalkameras nur noch in China bauen. Sony baut schon länger Digitalkameras in der Freihandelszone, die Firmen Elgin (Canon-Großhändler) und Flex wollen dies ebenfalls tun und haben bereits entsprechende genehmigte Projekte.

2005 wurden 2 Mio. Digitalkameras in Brasilien verkauft, doppelt so viel wie 2004. 2006 sollen es 3 Mio. Einheiten werden. Das Potential ist groß, 2004 hatten 34 % der brasilianischen Haushalte eine Analogkamera und nur 2,4 % eine digitale. 2007 soll der Anteil der Digitalkameras auf 19,5 % steigen, das wäre dann ein Bestand von 9,3 Mio. Digitalkameras. Plausibilitätskontrolle: (9,3 : 19,5) x 100 = 47,69 Mio. Haushalte bzw. knapp 4 Personen pro Haushalt, also richtig. 2005 wurden bereits mehr digitale als analoge Kameras verkauft. Während in der „ersten Welt“ die Verkäufe analog - digital sich die Waage halten, macht in Brasilien die Analogtechnik immer noch 70 % des Umsatzes von Kodak aus.

Kfz-Industrie baut Arbeitsplätze ab und meldet Produktionsrekord

Das paßt wie die berühmte Faust aufs Auge, per Mai 2006 wurden 1.080.600 Fahrzeuge produziert, 6,1 % mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum und gleichzeitig müssen tausende Mitarbeiter GM und VW in Brasilien verlassen. Zugelassen wurden 712.800 Fahrzeuge per Mai 2006, 9,4 % mehr als der per Mai 2005 - Wert. Exportiert wurden per Mai 2006 Fahrzeuge im Wert von 4.625.400 Mrd. US$, eine Steigerung von 8,6 % gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Als Grund für die Misere von VW und, in kleinerem Umfang von GM, ist der große Exportanteil bei fallendem Dollar und hohem local content sowie die wenig attraktiven Modelle, vor allem im Mittelklassebereich. Und Kritiker weisen immer wieder darauf hin, daß speziell VW zu viele Mitarbeiter im Vergleich zur Konkurrenz beschäftigt. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, in vielen Sitzungen saßen mir, der ich höchstens von einem Mitarbeiter begleitet wurde, manchmal mehr als 10 Vertreter meines damaligen Kunden gegenüber, wobei oft nur einer das Wort führte und der Rest eine schweigende Mehrheit bildete. Haben Sie schon mal eine E-Mail eines Kfz-Fabrikanten bekommen? Zählen Sie mal die Personen im Verteiler und dann fragen Sie sich, was dort gemacht wird, Autos entworfen, gebaut und verkauft oder Dokumente?

Aber auch die Japaner sollen ihr Fett abkriegen! Vor einigen Jahren kaufte ich meiner Frau einen japanischen Geländewagen und stellte dann zufällig fest, daß das identische Modell in Deutschland nicht soooo identisch war, denn es hatte Airbags, die im Exportmodell für Brasilien fehlten. Nach dem Motto, diese „Drittweltler“ können sich ruhig den Kopf anhauen! Aber sie haben gelernt, die Japaner, dieses Jahr kaufte ich einen neuen Wagen für meine Frau, diesmal serienmäßig auch in Brasilien mit Airbag. Der alte wurde übrigens gestohlen, das kommt auch vor, trotz Alarmanlage und "Satellitentracking" der Position des Fahrzeuges.

13 Juni 2006

Mexiko im Mercosur?

Mit Sicherheit nicht, bevor Venezuela im Juli 2006 offiziell Vollmitglied des Mercosur wird und dann auch nur als assoziiertes Mitglied wie Chile und Bolivien. Aber immerhin soll die Comissão Mista Bilateral Brasil - México, also die bilaterale gemischte Kommission beider Länder ca. im April 2007, wenn sowohl Brasilien als auch Mexiko von ihren neu gewählten Präsidenten regiert werden, wieder tagen und wird dann mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Mercosurbeitritt Mexikos behandeln.

Zwischenzeitlich ist Mexiko trotzdem schon der viertgrößte Käufer brasilianischer Produkte geworden, ermöglicht durch ein spezielles Handelsabkommen im Kfz-Bereich. Und bleibt vorerst beobachtendes Mercosurmitglied.

Ob die Mexikaner wissen, daß der Außenhandel Brasiliens durch einen jetzt schon 43 Tage währenden Streiks von Steuerbeamten bisher ca. 5 Mrd. R$ verloren hat? Vielleicht sollten sie sich den Mercosurbeitritt nochmal gut überlegen! 70 % der 7.700 Außenhandelssteuerkontrolleure (nur in unserer Sprache ist ein solches schönes Wort möglich, in Brasilien sagt man schnöde auditores fiscais da Receita Federal) streiken!

Inflation unter Ziel!

Erstmalig seit 2000 ist die Inflation wegen des Preisrückganges um 11,06 % von Alkohol unter dem Zentralbankziel angelangt, welches im Mai 2006 für den IPCA - Index einen Wert von kumuliert 4,5 % für die letzten 12 Monate aufweist. Der tatsächliche 12Monatswert beträgt nur 4,23 %.

Die kumulierte Inflation der jeweils letzten 12 Monate entwickelte sich so:

09 Juni 2006

Die letzten 100 Leser von BRASILIEN AKTUELL leben z.T. weit voneinander entfernt:

08 Juni 2006

Willkommen in Brasilien!

Deutschland begrüßt in diesen Tagen die Fußballwelt mit offenen Armen und der Reisende, der sich nach Brasilien aufmacht, erwartet wahrscheinlich ähnliches. Weit gefehlt, wer wie ich letzten Dienstag in São Paulo eintraf, in meinem Fall mit dem Wunsch, den Flughafen schnellstens zu verlassen, weil der Flug von Stuttgart nach Frankfurt wie der von Frankfurt nach São Paulo eine gehörige Verspätung hatte und ich des Reisens müde war, mußte erstmal in die Tretmühle. Diese bestand aus einer Schlange von Ausländern, d.h. Nichtbrasilianern, die ihren Paß und ein Einreiseformular vorzeigen bzw. letzteres bei der Rückkehr nach Brasilien abgeben mußten. Und diese Schlange teilte ich mit meinen Leidensgenossen, die einer Swiss- und einer Lufthansamaschine entstiegen waren. Mir waren etwas mehr als 60 Minuten in dieser Schlange vergönnt. Allerdings sind zwar alle gleich, aber drei deutsche Herren vor mir waren gleicher, sie wurden von einem vorher bestellten Bundespolizisten aus der Schlange geholt und an der Paßkontrolle vorbei in die Freiheit geleitet. Ich wäre ja schon zufrieden, wenn wenigstens die im Lande wohnenden Ausländer eine besondere Schlange hätten, vielleicht sogar mit dem Privileg, auch nur den Paß und meinetwegen noch den brasilianischen Ausweis vorzuzeigen, aber ohne Stempel und Formular. Auf den Fotos sehen Sie die Schlange vom Dienstag, die an den anderen Wochentagen ähnlich aussieht und einen freundlichen Herren, der sich vor dem Passieren der Paßkontrolle ansieht, ob das Einreiseformular richtig ausgefüllt wurde. Für die Paßkontrolle waren zunächst zwei und dann drei Bundespolizisten im Einsatz - schade, daß die Chefs dieser Beamten sich kein Beispiel an der Paßkontrolle am Flughafen von Mexiko-Stadt nehmen, dort sind ca. 24 Schalter besetzt und ich habe noch nie länger als 10 Minuten in der Schlange gestanden. Übrigens, wenn man die Paßkontrolle hinter sich und sein Gepäck endlich auf dem Wagen hat, fängt alles wieder neu an, den jetzt muß man den Zoll passieren! Und das dauert je nach Andrang wieder bis zu einer Stunde, denn hier steht nur ein Zöllner, der entscheidet, ob man kontrolliert wird oder nicht.





Eigentlich gebührt dem, was ich jetzt schreibe, ein eigener Eintrag. Auf dem Flug nach Deutschland am 26. Mai las ich den Spiegel, der ein Bild vom normalen Feierabendverkehr São Paulos brachte mit der sinngemäßen Unterschrift, hier könne man die Einwohner von São Paulo sehen, wie sie vor der unkontrollierten Kriminalität fliehen. So einen Blödsinn über Brasilien habe ich selten gelesen. Sonstige Kommentare erübrigen sich.

04 Juni 2006

Was mir auffiel IV: Steigt der € oder steigt er nicht?

Definitiv, der Trend ist eindeutig, der € steigt gegenüber dem R$:



25 Mai 2006

Was mir auffiel III: Steigt der € oder steigt er nicht?



Das war die Situation des € am 24.5. und wie gehts weiter, nachdem der € schon die magische Grenze von 3 R$ kurz überschritten hatte?

Da die Brasilianer nur auf den Dollar schauen, sehen wir uns diesen an: Am Mittwoch erreichte er nach einem Anstieg um 4,76 % einen Kurs von 2,401 R$, wobei die Börse gleichzeitig 0,88 % verlor. Und heute, um 15:15 am 25.5. rutschte er um 4,66 % nach unten und die Börse stieg um 3,42 % auf 37.017 Punkte.

Wie es weiter geht, hängt davon ab, ob es eine Zinserhöhung in den USA geben wird und ob die Weltwirtschaft sich abkühlt. Und in einer Krise, selbst in einer Minikrise, sind die US-Werte eben mehr gefragt als brasilianische. Empfehlung: Beobachten, denn Beeinflussen ist (uns) leider nicht möglich. Und gut beobachten, denn wir, die dem Euroland nahestehen (oder in ihm wohnen), müssen auch noch die Relation € - US$ betrachten!

22 Mai 2006

Was mir auffiel II: Steigt der € zum R$ wieder?



Diese Zeitreihe geht bis zum 19.5., aber am 22.5. erreichte der Kurs bereits 1,00 € = 2,95 R$! Gut für den brasilianischen Exporteur, aber noch kein Grund zur Panik für seine deutschen Kollegen!

Brasilienberatung

Es ist wieder soweit, meine nächste Deutschlandreise steht vor der Tür. Ich biete wieder kostenlose Beratungstermine an, diesmal am 29.5. und 1.6.06 in der IHK Essen, am 30.5.06 in der IHK Bielefeld, am 31.5.06 in der IHK Köln und am 6.6.06 in der IHK Stuttgart. Firmenbesuche sind gegen Reisekostenerstattung nach Vereinbarung ebenfalls möglich, soweit mein Terminplan dies noch zuläßt. Terminanfragen bitte an Herrn Slomke (Termine in Norddeutschland, Tel. 0201-189 2244, E-Mail slomke@essen.ihk.de) oder Herrn Sterzinger (Termine in Süddeutschland, Tel. 07034 - 992 005, E-Mail sterzinger@t-online.de) schicken.)

Sie können sich auch schon vormerken, daß ich am 28. September in der IHK Pfalz im Rahmen eines Brasilienseminares einen halben Tag lang über die Geschäftschancen in ausgesuchten Branchen Brasiliens sprechen werde. Zu diesem Seminar können Sie sich bei Frau Kim Gronemeyer anmelden (Tel. 0621-5904-1930, E-Mail kim.gronemeier@pfalz.ihk24.de):

19 Mai 2006

Wechselkurs: Was ist los mit dem Real?

Das ist eine Frage, die sich Importeure und Exporteure genauso stellen wie Finanzinvestoren, Banker, Politiker und Industrielle. Und jeder hat eine Antwort parat, nur ob es die richtige ist?

Auf jeden Fall ist es nicht einfach, „normale“ Geschäfte in einem Land zu machen, dessen Wechselkurs großen Veränderungen in kurzen Abständen unterworfen ist, wie man sie in dieser Grafik vom 19.5.2006 (Quelle: Estado de São Paulo) sehen kann.

Nach der Einführung des Real zum Kurs 1 : 1 in Bezug auf den US-Dollar und einigen gewollten und ungewollten Abwertungen erhielt man auf der Höhe der Realschwäche fast vier Real für einen Dollar. Wer damals wie ich an die Kfz-Industrie mit importiertem Rohmaterial lokal hergestellte Autoteile verkaufte, sah alt aus. Wer die Kfz-Industrie kennt, wird das verstehen. Als diese ihre Felle wegschwimmen sah, wurden Preise rückwirkend gesenkt, den Kalkulationen zugrundeliegende Kurse nur teilweise angepaßt und der Lieferant mit manchmal ziemlich groben Methoden gezwungen, einen Teil der Verluste seines Kunden mit zu tragen. Das wird dann, glaube ich, Solidarität genannt. Und die Kfz-Hersteller suchten ihr Heil im Export. Jetzt, wo der Kurs sich dem Verhältnis 1 : 2 genähert hat, bringt der Export nur noch Verlust und die Mitarbeiter müssen solidarisch auf ihren Arbeitsplatz verzichten. Beim größten Kfz-Hersteller Brasiliens sind es einige tausend Mitarbeiter, denen die Entlassung droht. Wie stark das die Menschen betrifft, sah ich vor einigen Tagen bei einem Besuch der Firma Alcan. Mein Gesprächspartner erzählte mir sofort, daß seine Freundin bei VW arbeiten würde und wahrscheinlich entlassen würde.

Aber nicht nur die Kfz-Industrie ist betroffen, andere Leidtragende findet man im Agrobusinessektor, in der Textilindustrie etc., d.h. in allen exportierenden Branchen.

Viele Gründe werden für die Erstarkung des Real aufgeführt. Wobei in Brasilien die Öffentlichkeit nur auf den Dollarkurs schaut (weil nur dieser in den Zeitungen auf der ersten Seite genannt wird und in den Abendnachrichten auch meist nur dieser gezeigt wird) und den Eurokurs vernachlässigt. Wobei es natürlich für deutsche Firmen in Brasilien und deutsche Exporteure äußerst interessant ist, zu shehen, daß der Eurokurs in den letzten Wochen von ca. 2,50 auf 2,80 gestiegen ist, während der Dollar immer noch bei 2,20 herumkrebst. Also muß sicher unterschieden werden zwischen einer allgemeinen Dollarschwäche und einer weniger akzentuierten Euroschwäche.

Aber zurück zu den Gründen. Einer soll der hohe brasilianische Leitzins sein, der aber in den letzten Monaten kontinuierlich gesenkt wurde, seit September 2005 immerhin um 4 Prozentpunkte, ohne daß dies den Höhenflug des Real stoppte. Ein anderer ist die fehlende Intervention der Zentralbank, aber diese kaufte seit Ende 2004 im internen Devisenmarkt ungefähr 45 Mrd. US$, was ebenfalls den Real nicht am Steigen hinderte. Zwar sind diese Gründe stichhaltig, aber sie erklären eben nur einen kleinen Teil des Realhöhenfluges.

Der eigentliche Bösewicht ist laut Delfim Netto der unausgeglichene Haushalt, der über eine enorme interne Verschuldung finanziert wird. Und da hilft es wenig, daß die Regierung die Auslandsverschuldung abgebaut hat. Aber wer hört schon auf einen ehemaligen Minister?

Nun, nicht die augenblickliche Regierung, die vielleicht auch die zukünftige sein wird. Schon wird z.B. vom Ministerpräsident von Rio Grande do Sul ein gespaltener Kurs erwogen, d.h. der Dollar verkaufende Exporteur erhält mehr Reais dafür als der normale Sterbliche. Ein anderer Plan sieht die Beschränkung des Dollarzuflusses vor durch die Genehmigung an Exporteure, Dollarkonten im Ausland einzurichten. Interessant dabei, daß erstens Fremdwährungskonten irgendwo auf der Welt für jeden möglich sein sollten und zweitens, daß in Brasilien nicht von Fremdwährung, sondern von Dollar gesprochen wird. Aber eine Freihandelszone beider Amerikas fürchtet die jetzige sozialistische brasilianische Regierung wie der Teufel das Weihwasser. Aber geschielt wird immer auf den großen „Bruder“ im Norden, nicht nach Europa.

Das merkt man übrigens auch, wenn z.B. wie jetzt bei den verbrecherischen Mafia-Überfällen in São Paulo die ausländische Presse zitiert wird. Zunächst werden immer US-Zeitungen genannt, dann kommen die französischen, die englischen, die italienischen und manchmal die deutschen Zeitungen an die Reihe.

Ein wichtiger Wert muß noch genannt werden, laut einer Studie des Industrieverbandes CNI hat die Aufwertung des Real um 37,1 % in drei Jahren den Exporteuren Verluste von 29 % der Rentabilität beschert.

16 Mai 2006

Was anderen auffiel

Zu meinem letzten Blogbeitrag "Was mir auffiel I" erhielt ich diese Zuschrift:

"Zu ihrem neulich veroeffentlichen Artikel „Was mir auffiel“ kann ich nur sagen, dass ein großes und weltbekanntes Versandhaus in Deutschland statt „Argentina“ die Schreibweise Argentinia bevorzugt hat, um ihre Fan T-Shirts und Sweatshirts für die WM 2006 zu bedrucken.
Auf Grund meines Auslandssemester in Argentinien werden mich zur Fußballweltmeisterschaft einige argentinische Freunde besuchen. Ich hoffe, dass Sie diese Fanartikel nie zu Gesicht bekommen. Ansonsten wuesste ich nicht wie ich ihnen das WM- Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ (eher Ignoranten) erklären sollte."

Vielen Dank, Herr Schäfer!

14 Mai 2006

Was mir auffiel I

Insistent schreiben selbst renommierte Blätter wie die FAZ oder Der Spiegel meinen Wohnort São Paulo in der Pidgin - Form Sao Paulo. Kein Wunder, bekomme ich doch auch Briefe aus Deutschland mit der italienischen Schreibweise San Pablo und der deutschen (?) Schreibweise Sau Paulo. Dies ist kein Scherz, sondern eine deutsche Anwaltskanzlei, die Geschäfte in meinem Gastland machen möchte, schrieb mir tatsächlich unter Verwendung dieser Adresse und - Wunder geschehen - der Brief kam an! Aber da ein hiesiger Konzessionär, der Autoban heißt (ja, ohne h), seinen Hilfsdienst für Notfälle SAU nennt, ist es vielleicht gar kein Wunder.

Frage: Warum steht auf den Fußballhemden, die in Deutschland verkauft werden, Brazil und nicht Brasil? Wer bitte in meinem Heimatland glaubt, daß man in meinem Gastland Englisch spricht???

Was für einen Stellenwert haben eigentlich romanische Fremdprachen in der PISA - Studie? Und warum heißt es eigentlich Fremdsprache? Jede Fremdsprache ist auch mit Sicherheit Heimatsprache, oder? Von Aramäisch, Lateinisch oder Altgriechisch mal abgesehen.

Gerade sah ich die Nachrichten der Deutschen Welle über die Attentate auf Polizeistationen in São Paulo. Auch hier natürlich im Untertitel Sao Paulo, dazu wurde der Ministerpräsident des Bundesstaates São Paulo als Bürgermeister der Stadt São Paulo bezeichnet. Und, auch wenn man mich vielleicht als Puristen beschimpft (ich nähme dies aber nicht als Beschimpfung), Lula ist nicht Präsident Brasilien, sondern Präsident von Brasilien oder Präsident Brasiliens oder Brasilianischer Präsident. Meine verstorbene Deutschlehrerin würde heute verzweifeln. Ist das die Folge der Rechtschreibereform? Ich kann nur meine Schwester bemitleiden, die als Notarin gezwungen ist, den neuen Regeln gemäß zu schreiben.

Und wenn die Heimatsprache selbst Fremdsprache ist? Als Berliner darf ich dies hier erzählen: Bei Siemens in Siemensstadt - Berlin sollten Lehrlinge einen Fragebogen ausfüllen. Eine der Fragen: Beruf des Erziehungsberechtigten (Was für ein Wort! Fast so schön wie Azubi!)? Antwort: Jet nen. Übersetzung: Geht Nähen = Näherin. Kommentar: Überflüssig.

13 Mai 2006

Rio de Janeiro und ThyssenKrupp

Wer an Rio denkt, hat sicher keine Industrie vor Augen, sondern wahrscheinlich angenehmerere Assoziationen, z.B. den Zuckerhut, die Christusstatue, den weniger bekannten Botanischen Garten und die Strände von Ipanema und Copacabana. Weitere Details überlasse ich hier der Phantasie des Lesers.

Aber wenn ich an Rio denke, habe ich auch die 14 km lange Brücke nach Niteroi vor Augen, an deren Betreiber einer meiner Kunden zwei Brückenuntersichtsgeräte verkauft hat. Oder die Pharmaindustrie, die sich in Rio konzentriert und für die wir schon Projekte bei 45 Grad im Zimmer ohne Klimaanlage bearbeiten durften. Oder einen großen deutschen Elektrokonzern, dessen Markteintrittsstrategie für Dentalröntgengeräte wir in einem Raum entwarfen, der uns den Blick auf den Zuckerhut und den im Meer liegenden Stadtflughafen Santos Dumont gönnte.

Und seit kurzem habe ich ThyssenKrupp vor Augen, deren Aufsichtsrat grünes Licht gegeben hat für eine 2,4 Mrd. US$ - Investition in ein Stahlwerk mit einer Jahreskapazität von 5 Mio. Tonnen. 2009 soll die Produktion in Sepetiba unter dem Firmennamen Companhia Siderúrgica do Atlântico - CSA aufgenommen werden, an diesem Unternehmen wird ThyssenKrupp mit 90 % und der Eisenerzlieferant Companhia Vale do Rio Doce - CVRD mit 10 % beteiligt sein.

Rio entwickelt sich zu einem Stahlkocherpool, denn außer ThyssenKrupp haben auch andere Firmen Pläne. In Cosigua wird Gerdau ein bestehendes Stahlwerk erweitern und ein neues für Spezialstähle bauen. Die Siderúrgica de Barra Mansa hat ebenfalls ein Erweiterungsprojekt und die Companhia Siderúrgica Nacional - CSN will ein neues Stahlwerk in Itaguaí errichten. Wenn alle diese Pläne realisiert werden, wird Rio der größte regionale Stahlproduzent Lateinamerikas sein. Hoffentlich ohne negative Auswirkungen auf die berühmten Strände!

Wenn Sie dies alles gelesen haben, dürfen Sie sich zur Belohnung den Zuckerhut ansehen. Klicken Sie in die Überschrift!

12 Mai 2006

Papier & Zellulose

„Aus gegebenem Anlaß“ wollte ich eigentlich an dieser Stelle heute über deutsche (!) Kunden schreiben, die ihre Rechnungen nicht bezahlen und ihr Wort brechen, wenn sie auf in Gegenwart von Zeugen mündlich erteilte und in Arbeit befindliche Aufträge festgenagelt werden, die auf Prinzipien herumreiten und nicht sparsam, sonder geizig sind. Und die Rechnungen und Auftragsbestätigungen angeblich nicht erhalten haben. Aber warum soll ich mich ärgern? Kunden, die mir nicht koscher vorkommen, müssen eben in Zukunft ihre Aufträge schriftlich erteilen und Vorkasse leisten. Wie sagt der Brasilianer so schön? Für unsere Freunde alles, für unsere Feinde das Gesetz! Wobei ich nicht so weit gehe, Kunden in Freunde und Feinde zu teilen, aber in solche, für die man gerne arbeitet und solche, die man auch auf einer langweiligen Dienstreise abends nicht zum Essen einladen würde!

Jetzt aber lieber zu einem erfreulichen Thema. Trotz aller Probleme mit weiteren hausgemachten Korruptionsskandalen in Brasilien, mit der starken einheimischen Währung, die den Export erschwert und mit dem Nachbarn Bolivien, der das Kriegsbeil ausgegraben hat sowie mit dem Rückfall mehrerer lateinamerikanischer Länder in einen ideologisch bedingten Nationalismus und dem Auseinanderbrechen des Merocsurs und des Andenpaktes gibt es Firmen, die unbeirrt investieren.

Eine davon ist die Gruppe von Emirio de Moraes, die ihre Alumininumwerke weiter ausbaut und, wenn die für die Aluminiumgewinnung aus Bauxit wichtige Stromversorgung unsicher erscheint, eben eigene Kraftwerke baut. Aber auf dieses Thema komme ich später zurück. Denn ein anderer Gigant hat ein 1,4 Mrd. US$ Investitionsvorhaben angekündigt, nämlich INTERNATIONAL PAPER, die weltweit 26 Mrd. US$ im Jahr umsetzen. Man hat sich zwar auf den Standort der beabsichtigten neuen Papier- und Zellulosefabrik noch nicht festgelegt, die Auswahl wird zwischen Brasilien, China und Osteuropa stattfinden, aber wenigstens ist Brasilien noch nicht aus dem Rennen ausgeschieden. Mit einem Umsatz von 750 Mio. US$ ist der brasilianische Anteil am Umsatz noch sehr klein, unter 3 %, aber das wird sich ändern, wenn das Projekt rechnerisch eine Rentabilität über 9 % bringt. Das ist ein KO-Kriterium für die Investition. Gegen das Projekt sprechen der Wechselkurs, die prekäre Infrastruktur am beabsichtigten Standort in Três Lagoas in Mato Grosso do Sul und die hohe Steuerbelastung. Nur für die Ausarbeitung des Projektes hat die Firma bisher 25 Mio. US$ ausgegeben, ein Beweis dafür, wie ernst man es mit dem Vorhaben meint.

Und ein Ansporn für die kleineren Firmen, die meinen, es müsse alles umsonst sein und mit Kleckern und Klagen würde man schon erreichen, das andere für sie investieren.

Einer meiner deutschen Kunden, der sich auf das Bewegen und Handhaben von Papierollen (sie können aber auch aus Plastik- oder Metallfolie und sogar aus Stahlblech sein) spezialisiert hat, hat das Investitionsproblem sehr geschickt durch uns lösen lassen, wir haben nämlich einen Lizenznehmer für ihn gesucht (und gefunden). Das ist eine sehr empfehlenswerte Weise, ins Geschäft zu kommen, dafür bezahlt zu werden und nicht investieren zu müssen. Wenn Sie sich für Bilder der Produkte dieser Firma, sie heißt WSI, interessieren, klicken Sie bitte in die Überschrift und Sie kommen zu einer Seite, die einen Rollenwender im Einsatz im Mauá, einer Nachbarstadt von São Paulo, zeigen.

09 Mai 2006

Paketversand nach Brasilien

Diese E-Mail erhielt ich heute, sie spricht für sich selbst!

Hallo Herr Naumann,
entsprechend Ihrem Schreiben vom 3.5.2006 hatten wir Ihnen am 4.5.2006 per UPS 5 Satz Verkaufsunterlagen in Englisch zugesandt, welche uns jedoch von UPS am 8.5.2006 mit folgender Begründung zurück übersandt wurden: Seit kurzem fordert der brasilianische Zoll für alle Sendungen die Zollnummer des Empfängers auf der Rechnung ein. Alle Pakete, die ohne Steuernummer des Empfängers nach Brasilien gelangen, werden vom dortigen Zoll gehalten. Um eine zügige Abwicklung der Zollformalitäten zu garantieren, muss diese Nummer unbedingt auf der Rechnung enthalten sein. Für Firmen ist diese Nummer die „General Taypayer Register (CNPJ)“, für Einzelpersonen die „Individual Taypayer Identify Card (CPF)“. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns Ihre Nummer umgehend mitteilen würden, damit wir die Prospekte erneut an Sie zum Versand bringen können. Wir würden diese dann zusätzlich mit einer Proforma-Rechnung liefern.

Das erinnert mich an folgenden Fall: Eine Firma nahm fälschlicherweise an, daß ich als Leiter des Firmenpools Brasilien / Mercosur der IHK Essen Mitarbeiter der AHK in São Paulo sei und schickte der AHK 700 Prospekte zur Verteilung in Brasilien für mich. Die AHK mußte sich als Importeur registrieren, um die Prospekte aus dem Zoll zu holen und da der Sender als Wert damals 1 DM pro Prospekt angegeben hatte, fielen noch über 200 DM Zoll an. Prost Mahlzeit! Und wenn man dann nichts verkauft...! Deshalb empfehlen wir wenige Prospekte in einen normalen DIN A 4 - Umschlag zu stecken und per Luftpost zu schicken. Und das mehrmals, auf einige Tage verteilt, falls die Menge es erfordert.

Wie gut, daß es pdf und nötigenfalls Drucker gibt!

08 Mai 2006

BRASIL ATUALIZADO

Analisando quem visita meu blog, vejo muitos cliques de pessoas do Brasil. Espero que ninguem sai do blog rapidinho porque não entendeu nada. Mas se for o caso visite o link acima, lá achará um texto em português. E se quer saber alguma coisa e não acha, mande sua pergunta para mim!

BRAZIL UPDATED

I can see from my analyses that there are a lot of visitors from English speaking countries. I suppose that those visitors are leaving the blog disappointed, due to the German text. Don't! Go to the link above and you can understand what I wrote! And if you want information on Brazil, tell me what you need!

04 Mai 2006

Blick zurück: BRASILIEN AKTUELL im April 2005

Kommentar

Nachdem die Handelsbilanz weiterhin günstig ist, bestätigt auch der Minister für Entwicklung, Industrie und Außenhandel, daß der dem US - Dollar gegenüber erstarkte Real (sooo stark ist er auch wieder nicht!) dem Export nicht geschadet hat. Allerdings haben die Exporte von Schuhen und Kraftfahrzeugen schon zu leiden, aber immerhin konnten 2004 weitere 1.000 brasilianische Firmen der Exportliga beitreten und weitere 600 Produkte der Liste der exportierten Güter hinzugefügt werden. Um am Ende der ersten Aprilwoche mit nur einem Arbeitstag in diesem Monat betrug der Handelsbilanzüberschuß des laufenden Jahres schon 8,612 Mrd. US$. Der Export erreichte 25,039 und der Import 16,427 Mrd. US$, gegenüber dem vergleichbarem Vorjahreszeitraum ein Zuwachs von + 25,1 bzw. + 19,2 %. Beim Import machte sich stark der Stahl bemerkbar, kein Wunder bei den in Brasilien zu verkraftenden Preiserhöhungen.

Und solche Preiserhöhungen nimmt der Zentralbankrat zum Anlass, den Leitzins auch im April zu erhöhen, auf 19,5 % im Jahr. Wobei man sich fragt, was damit bewirkt wird, denn die Inflation wird nicht zuletzt von Preiserhöhungen für Dienstleistungen des Staates (die Preiserhöhung der Omnibusfahrkarten in São Paulo im März machte 0,47 % - Punkte der Monatsinflation von 0,81 % aus!) auf allen Verwaltungsebenen angeheizt. Und diese werden u.a. deshalb teurer, weil jede Leitzinserhöhung auch die Staatsverschuldung erhöht und deshalb der öffentlichen Hand das Geld ausgeht. Und weil man die Steuern nicht unbegrenzt erhöhen kann, wenn man die Wiederwahl Lulas 2006 nicht gefährden will, kommt man eben über höhere Preise besagter Dienstleistungen an das Geld der jetzt schon überforderten Steuerzahler.

Der weiterhin steigende Leitzins hat übrigens auch zu dem unerwünschtem Effekt geführt, daß die Investitionsneigung der brasilianischen Unternehmer abgenommen hat. Zahlen darüber liegen aber nur für 2004 vor. Der Wert der angekündigten Investitionssumme im Zeitraum Juni bis August nahm danach laut dem MDIC - Ministerium für Entwicklung, Industrie und Außenhandel in den letzten drei Monaten des Jahres relativ um 26,5 % bzw. absolut um 8,295 Mrd. US$ ab.

Die Prioritäten der Regierung sieht man auch an den Bemühungen Lulas, den Handelsaustausch mit afrikanischen Staaten zu intensivieren. Hier folgen zur richtigen Einschätzung dieser Bemühungen die Weltimporte 2004:

Mrd. US$ %
Welt gesamt 9.125 100,0
Nafta 2.010 21,8
USA 1.526 16,6
EU 3.784 41,1
Asien 2.214 24,0
japan 455 4,9
China 561 6,1
Indien 94 1,0
Mercosur 94 1,0
Brasilien 66 0,7
Rest der Welt 1.113 12,1

Diese Zahlen wurden am 14.4.2005 von der Welthandelsorganisation veröffentlicht und sind vielleicht der brasilianischen Regierung noch nicht gezeigt worden. Was übrigens die Regierung behindert, ist u.a. der Mangel an Mut, dem argentinischem Partner auf die Zehen zu treten. Dieser ließ nämlich 2004 die Verhandlungen zwischen der EU und dem Mercosur platzen, weil man sich nicht auf freie Handelsbeziehungen vorbereitet fühlt. Und leider wird nicht viel getan, um diesem Mangel an internationaler Wettbewerbsfähigkeit abzuhelfen. Nur gut, daß brasilianische Firmen vermehrt ihre Konkurrenz in Argentinien aufkaufen.

Wo importiert wird, muß in einem geschlossenem System auch exportiert werden. Trotz des unzweifelhaften Erfolges brasilianischer Firmen im Export blieb Brasilien auf dem 25. Platz in der Weltrangliste der Warenexporteure (d.h. ohne Dienstleistungen) stehen, beim Import rückte Brasilien vom 30. auf den 29. Platz:



Tourismus

Um 100.000 neue Besucher jährlich anzuziehen, soll es zum Jahresende täglich 14,5 h - Flüge der Gesellschaft Emirates Airlines zwischen Dubai und São Paulo geben. In 2004 kamen nur 29.400 Touristen aus dem Mittlerem Osten nach Brasilien. 4,13 Mrd. US$ bzw. 5 % des brasilianischen Exportes gehen heute in Länder der Arabischen Liga, verschwindend wenig, denn der Gesamtimport dieser Länder erreicht 1 Billionen US$ jährlich.

Chemie

Die hohen Erdölpreise schlagen ab April auf die Petrochemie durch, was sich wegen der Massenproduktion in Asien von Kunststoffteilen und der dadurch niedrigeren Rohmaterialkosten so auswirken kann, daß Brasilien solche Produkte künftig importiert. Denn daß Brasilien über den Volumeneffekt günstiger Rohmaterial einkaufen und selbst Kunststoffprodukte exportieren könnte, wird von den Pessimisten im Lande nicht in Erwägung gezogen. Im Gegenteil, diese denken schon über den Import von Plastiktaschen nach. Und nicht über deren Ersatz durch wiederverwendbare Leinenbeutel.

33,7 % der Verpackungen für eßbare Öle sind heute aus Kunststoff (PET), die Hersteller traditioneller Dosenverpackungen haben damit in den letzten sechs Jahren 16 % ihres Marktes verloren. In 2004 wurden laut datamark 2,393 Mrd. Liter zu 65,7 % in Dosen und zu 33,7 % in Plastikflaschen abgepackt, aber fragen Sie mich bitte nicht nach den fehlenden 0,6 %. Brasilien muß laut Abipet (Assoiação Brasileira da Indústria de PET) zur Bedarfsdeckung 50.000 Tonnen Kunstharz einführen und es soll weitere Herstellungskapazität im Lande geschaffen werden.

Pharmasektor

Beim Besuch einer brasilianischen Pharmafirma mit einem Jahresumsatz oberhalb 200 Mio. US$ wurden meinem deutschem Kunden und mir vom geschäftsführenden Gesellschafter im April die über 50 laufenden Forschungsprojekte erläutert. Die überaus erfolgreiche Firma greift Themen auf, die sogar Multis animieren, sich an diesen Projekten zu beteiligen. Es geht vor allem auch um die Nutzung des Potentials einheimischer Pflanzen für neue Medikamente. Hier gibt es noch viele ungenutzte Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen deutschen und brasilianischen Laboratorien.

Maschinenbau

Am 9.5.2005 öffnet die Feimafe ihre Pforten. Im nächsten Beitrag über den brasilianischen Maschinenbau werde ich über diese Messe berichten.

Stahl

Am 6.4.2005 warnte der Exekutivsekretär der brasilianischen Außenhandelskammer Camex, Mário Mugnaini, daß der Stahlsektor für Importe völlig geöffnet würde, wenn es weiterhin Hinweise auf Preismißbrauch und Unterversorgung gäbe.

Erdölindustrie

Die brasilianische Erdölförderung hat am 6.4.2004 erstmalig 1,7 Mio. barrels am Tag überschritten, der mittlere Verbrauch liegt in 2005 ca. bei 1,8 Mio., der Zeitpunkt der kompletten Selbstversorgung rückt näher.

Agrobusiness

Vom 12. bis 21. Mai 2005 findet in Ribeirão Preto die Agrishow statt, zu der die Bank Santander 40 Mio. R$ für Kredite zum Kauf von Landwirtschaftsmaschinen freigibt. Weitere 100 Mio. R$ für diesen Zweck stammen vom Finame - Programm. Das Agrobusiness leidet zur Zeit unter Trockenheit und fallenden internationalen Preisen für Agrarprodukte. Trotzdem will Santander 2005 ca. 2,5 Mrd. R$ für das Agrobusiness freigeben, während es im Vorjahr nur 2 Mrd. R$ waren.


Südkorea wird ab 31. Mai brasilianische Hähnchen und Hähnchenfleisch kaufen. Bis jetzt haben die Firmen Sadia, Seara, Frangosul und Perdigão eine Exportgenehmigung erhalten. In den ersten 12 Monaten werden wahrscheinlich 80.000 Tonnen im Wert von 80 Mio. US$ von den brasilianischen Firmen geliefert werden. Brasilien ist der weltgrößte Exporteur auf diesem Gebiet.

Schiffsbau

Als Präsidentschaftskandidat hatte Lula noch scharfe Kritik am Kauf von Erdölförderplattformen im Ausland geübt. Heute will die staatliche Petrobrás drei offshore - Plattformen aus dem Ausland beziehen, eine davon aus China. Begründung: In Brasilien seien diese nicht so schnell zu bekommen, wie man sie benötigt, die einheimischen Werften hätten keine Kapazität dafür frei. Ein Kommentar erübrigt sich. Schade, daß Politiker so oft meinen, ihre Wähler seien Kleinkinder, denen man nicht die Wahrheit sagen und mit Logik kommen dürfe.

Stromsektor

Wir mußten schon Strom sparen, aber trotzdem werden gewaltige Subsidien gezahlt, um die Lücke zwischen der erzeugten und verbrauchten Elektroenergie geldmäßig zu schließen. Diese "Unterstützung" belief sich in den letzten Jahren auf folgende Werte:

1999 2000 2002 2002 2003 2004
Mio.R$ 488,1 675,9 918,2 1.156,2 2.219,3 3.132,4


Im Mittel wurde von den Thermokraftwerken im Norden (Ausnahme Enersul, Wert in den anderen Regionen Brasiliens 15 %) 33,01 % mehr Energie erzeugt als verbraucht, die Einzelwerte sind:

%
Ceam (Amazonas) 45,34
CER (Roraima) 38,29
Ceron (Rondônia) 35,84
CEA (Amapá) 34,44
Eletroacre (Acre) 32,99
Manaus Energia 32,59
Boa Vista Energie 25,67
Coelba (Bahia) 21,16
Celpa (Pará) 14,92
Jarí Celulose 12,49
Cemat (Matogrosso) 10,25
Enersul (Matogrosso do Sul) 8,69

Von den gezahlten 3,1 Mrd. R$ Subsidien wurden ca. 1 Mrd. R$ für Energie ausgegeben, die nie beim Verbraucher ankam. Anstelle Stromzähler zu installieren, sollte man besser mehr Mitarbeiter für Staatsanwaltschaft und Rechnungshöfe bewilligen.

Informationstechnologie

Weniger als 1 % der ungefähr 400.000 im Einsatz befindlichen Traktoren haben einen Bordcomputer in Brasilien, bei den 60.000 Erntemaschinen sind es immerhin schon 4 bis 5 %. Zur Ausrüstung einer guten Erntemaschine gehört heute mindestens auch in Brasilien GPS, Satellitentelefon und Bordcomputer. Dedini z.B. spart pro Ernte durch den Einsatz von IT ca. 9 Mio. Liter Dieselöl. Zur Zeit haben von den 450 landwirtschaftlichen Maschinen und Lkws der Dedinigruppe 100 eine IT - Ausrüstung, weitere 100 werden gerade in Pirassununga nachgerüstet. Erstaunlich, daß die mit Laservermessung und computergestützter Schnittoptimierung versehenen Blockbandsägen von Nienkämpfer in Brasilien noch keinen Abnehmer gefunden haben, die hiesigen Sägewerkbetreiber sehen offensichtlich noch nicht den Nutzen von IT. Nur am Rande sei bemerkt, daß die Ghanesen ihn schon erkannt und über 100 Anlagen gekauft haben.

Kfz - Hersteller und -Zulieferer

Die Nachricht vom 1. April, daß DaimlerChrysler die Produktion der A-Klasse in Juiz de Fora im August aufgeben und den SmartFormore dort nicht bauen wird, war leider kein Aprilscherz. Die Zulieferer ThyssenKrupp, Johnson Controls, Lear, Aethra und Decoma/Magna kündigten daraufhin an, daß man in den nächsten Wochen ebenfalls die Aktivitäten für dieses Werk mit 1.100 Mitarbeitern, welche zur Zeit 20 Stunden in der Woche arbeiten, einstellen und damit auch die dort beschäftigten ca. 200 Mitarbeiter der Zulieferer entlassen werde. Das ist das vorläufig unrühmliche Ende für ein Werk, welches erst 1999 eingeweiht worden war. Die Fabrik war mit massiver, auch finanzieller Unterstützung (in Form von Steuervergünstigungen) der Regierung gebaut worden.

Am 7.4.2005 verkündigte Fiat in Italien, daß man 1,3 Mrd. R$ (380 Mio. €) im brasilianischem Werk in Betim von 2005 bis 2007 investieren wolle. Das Geld soll für die Entwicklung neuer Fahrzeuge und Technologien verwendet werden. 2004 hatte Fiat in Betim 350.000 Fahrzeuge produziert, aber 460 Mio. R$ Verlust eingefahren. Dieser Verlust ist auf Rückstellungen in Höhe von 740 Mio. R$ zurückzuführen, ohne diese wäre ein Gewinn von 280 Mio. R$ erzielt worden. Das Brasiliengeschäft macht für die Fiatfahrzeuggruppe 20 % des Weltgeschäftes aus. Letztes Jahr hat die brasilianische Fiat mit 478 Mio. US$ 44 % mehr exportiert als im Jahr zuvor.

Michelin wird eine Fabrik in Rio für 200 Mio. US$ bauen, die Ende 2007 die Produktion mit 400 Mitarbeitern aufnehmen soll. Bridgestone Firestone baut für 280 Mio. US$ bereits an einer neuen Fabrik in Camaçari, die in zwei Jahren fertig sein soll. Continental baut ebenfalls in Camaçari eine Fabrik für 260 Mio. US$, deren Produktion ab Ende 2006 zu 90 % exportiert werden soll. Goodyear investiert 120 Mio. US$ in den Ausbau der Fabrik in Americana. In 2004 hat die brasilianische Reifenindustrie 52 Mio. Reifen produziert.

Am 14.4.2004 wurde der Kaufvertrag für die MWM Motores in São Paulo unterschrieben, der neue Eigentümer International aus Canoas formte daraus die MWM International Indústria de Motores Ltda. mit einem Umsatz von heute 600 Mio. US$ und einem Umsatzziel für 2010 von 1 Mrd. US$, wobei davon 40 % exportiert werden sollen. Die neue Firma hat bei in Brasilien hergestellten Dieselmotoren einen Marktanteil von 53 %. die Gesamtproduktion Brasiliens wird dieses Jahr ca. 300.000 Einheiten betragen. Der bisherige MWM - Eigentümer Heinz Hermann Thiele, dem auch die Knorr Bremse gehört, informierte die wichtigsten Kunden persönlich vom Verkauf.

Dana wird in der Fabrik in Campo Largo 3 Mio. R$ für ein neues Gebäude investieren und 60 zusätzliche Mitarbeiter einstellen, um für 1.157 Volvobusse, die für Chile bestimmt sind, Chassis zu bauen.

São Paulo ist immer noch der stärkste Bundesstaat, was die hiesige Automobilproduktion angeht, wenn auch der Anteil gegenüber den Vorjahren kontinuierlich gesunken ist:



Getreu dem Prinzip "Wes Brot ich eß, des Lied ich sing", ging auch der Anteil der Zulieferer, die vor zehn Jahren zu 86,3 % im Bundesstaat São Paulo beheimatet waren, auf heute 72,5 % zurück. Follow Source und Just in Time forderten ihren Tribut.

Der März 2005 ist der beste Monat in der Geschichte der brasilianischen Autoindustrie gewesen. Die Rekordwerte waren 936,4 Mio. US$ Export und 218.600 produzierte Fahrzeuge. Im März 2005 wurden 30 % mehr Fahrzeuge abgesetzt als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Mit Glück werden sich diese Werte weiter verbessern, wenn VW den Fox für 8.950 € ab April nach Europa exportiert. Wobei laut "Estado de São Paulo", unserer hiesigen FAZ, der Wagen in Kopenhagen - Schweden offiziell lanziert wird. Hoffentlich sind die Dänen damit einverstanden. Weitere Zahlenwerte dazu finden Sie beim Kfz - Herstellerverband ANFAVEA.

In 2004 stieg die Weltfahrzeugproduktion um 5,6 %, die Südamerikas aber um 24 %. Allerdings machte der Anteil Südamerikas nur 4 % der weltweit gefertigten 63,9 Mio. Autos aus. Brasilien liegt jetzt mit 2,2 Mio. Fahrzeugen auf dem neuntem Platz, vor Großbritannien mit 1,85 Mio. Einheiten.

Infrastruktur und Private Public Partnership

Am 4.4.04 verkündete das Transportministerium die Vergabe von Konzessionen für insgesamt 3.000 km Bundesstraßen und BAB an, was den Gewinnern innerhalb der 25 Jahre Gültigkeitsdauer ca. 13 Mrd. R$ Investitionen abverlangen wird. Die Verträge für die wichtigen BAB Fernão Dias (São Paulo - Belo Horizonte) und Régis Bittencourt (São Paulo - Curitiba) sollen bis Oktober unterzeichnet werden.

Bergbau

Eisenerz ist teu(r)er geworden, die CVRD erhöhte die Preise um 71 %. Und da das Erz am Preis eines Rohbleches 8 bis 10 % ausmachen soll, kann man sich die Auswirkungen denken. Allerdings sind diese angeblich nicht so gravierend wie man annehmen könnte, wenn man die oft zitierten 33 % hört, denn ein Auto habe laut IBS - Instituto Brasileiro de Aço nur einen Masseanteil von 400 kg Flachstahl und 150 kg anderen Stahl, was 1.100 R$ entspräche bzw. 6,4 % dieses Fahrzeuges. Wobei das IBS sicher nicht Ausschuß und Schrott (Stanzreste, Späne...) berücksichtigt hat und ebensowenig offensichtlich Gußeisen (Motorblock...), die ja auch aus dem Eisenerz stammen. Und Masse und Wert müssen auch nicht konform gehen, wenn man Äpfel mir Birnen vergleicht.

Die CVRD hatte letztes Jahr schon ein außergewöhnlich gutes Resultat zu verzeichnen (12,2 Mrd. R$ liquide Mittel und 6,46 Mrd. R$ Gewinn), dieses Jahr sollen diese Werte noch übertroffen werden. Allein in 2005 sollen 3,3 Mrd. US$ investiert werden.

Interessantes

Im ersten Vierteljahr 2005 betrug die mittlere Monatsfluktuation der brasilianischen Arbeitnehmer mit formalem Anstellungsverhältnis 3,93 %, was einem Jahreswert von 47,16 % entspricht! Diese Zahl vermittelt einen falschen Eindruck, weil viele Arbeitnehmer mehrmals im Jahr den Arbeitgeber wechseln, meist gezwungenermassen, weil sie entlassen wurden. Die mittleren Monatsbezüge der Entlassenen betrugen 2.443,23 R$, der Eingestellten 388,50 R$. Für eine sozialistische Regierung eigentlich ein sehr bedenkliche Entwicklung, aber die Alarmglocken schrillen noch nicht, denn die Politiker und der öffentliche Dienst sind offensichtlich nicht von ihr betroffen.

Die Überziehungszinsen betrugen im April im Mittel 8,24 %, aber im Monat!

Das Parlament geht jetzt gegen den in Brasilien weit verbreiteten Nepotismus vor, wobei der Abgeordnete Jaír Bolsonaro meinte, daß es auch verboten sein müßte, seiner Geliebten einen Posten im öffentlichen Dienst zu verschaffen, schließlich wisse jeder, daß dies heute zur Praxis gehöre.

Amir Khair, früherer Finanzchef der Stadt São Paulo, veröffentlichte eine Studie über Steuern und verglich die Daten von 119 Staaten von 2002. Die Steuerlast in entwicklungsmäßig mit Brasilien vergleichbaren Ländern betrug im betrachtetem Jahr 21,2 %, in Brasilien waren es 35,8 %. Der Anteil der Lohnsteuer in Brasilien betrug dabei 6,7 %-Punkte, während es in Asien 1,1 und in Afrika 0,9 % waren. Von allen 119 untersuchten Ländern war nur Schweden mit 6,9 %-Punkten noch unbarmherziger als Brasilien. Der Anteil der Verbrauchssteuern war in Brasilien 47,2 % des Gesamtsteueraufkommens, der Wert für die anderen Länder lag bei 28,6 %.

Die brasilianische Regierung hat im April für die Stammzellenforschung einmalig 10 Mio. R$ freigegeben und gleichzeitig die Aufwendungen für Parlamentarier um jährlich 190 Mio. R$ erhöht.

Im Ausland lebende Brasilianer schicken fast 3 Mrd. US$ jährlich zu ihren Familien im Heimatland. Dazu paßt, daß viele auf die USA schimpfen, aber 30 Mrd. US$ der in 2003 von Ausländern in die Heimat transferierten 100 Mrd. US$ eben aus diesen USA stammen. Nach dem Motto "die fütternde Hand wird erstmal gebissen".

In 2003 wurden 2,3 Mrd. R$ mit 225 Mio. Büchern in Brasilien umgesetzt. Der Brasilianer liest statistisch gesehen im Jahr 1,8 Bücher. 52 aller Buchverlage in Brasilien setzen weniger als 1 Mio. R$ im Jahr um, 74 % aller Buchverlage hoffen, daß 2005 besser als das Vorjahr wird, in diesem Jahr sollen 16.000 neue Titel erscheinen.

Die Schneiderin Belmira Damasco starb 2001 mit 89 Jahren, bezieht aber nach wie vor Rente. Jeden Monat werden ca. 400 R$ an sie überwiesen plus ein halbes Minimumgehalt, eine Rente, die sie von ihrem Vater erbte. Die Familie versucht seit September 2001 diesen Geldfluß zu stoppen, bis dato (3.4.2005) ohne Erfolg. Wie gut die Registrierung der Rentenempfänger funktioniert, merkt man auch daran, daß es ab einem Alter von 70 Jahren mehr Rentenempfänger als lebende Einwohner gibt. Diese Inkompetenz der Behörden kostet nach Schätzung des zuständigen Ministers ca. 30 Mrd. R$ im jahr. Und dann wird über das Defizit der Rentenversicherung gejammert!

Die Regierung hat zwar die Vereinheitlichung des Wechselkurses angekündigt, aber am 18.4.2005 konnte man im "Estado de São Paulo" folgende Dollarkurse (Kauf) vom 15.4. câmbio comercial 2,617, câmbio paralelo 2,707, câmbio turismo 2,560 lesen.

25 % des brasilianischen BIP wurde 2002 in nur 9 Städten erzeugt, nämlich São Paulo, Rio de Janeiro, Brasília, Manaus, Belo Horizonte, Duque de Caxias, Curitiba, Guarulhos und São José dos Campos. Zu dieser Zeit lebten in diesen Städten 15,2 % der brasilianischen Bevölkerung.

Nicht aus Neigung, sondern aus Notwendigkeit sind immer mehr Brasilianer Unternehmer und stehen dabei weltweit auf Platz 7:

Land % der Bevölkerung mit unternehmerischer Tätigkeit
Peru 40,3
Uganda 31,6
Ekuador 27,2
Jordanien 18,3
Neuseeland 14,7
Island 13,6
Brasilien 13,5
Australien 13,4
Argentinien 12,8
USA 11,3

02 Mai 2006

Die brasilianische Industrie im Überblick

Im Spezialheft „Retratos do Brasil: A fábrica“ der überregionalen Tageszeitung „O Estado de São Paulo“ vom 1.5.2006 werden interessante Zahlen genannt, die ich hier wiedergebe:

138.962 ist die Anzahl der produzierenden Firmen, deren 6.144.319 Mitarbeiter einen Umsatz von 1,08 Billionen R$ und einen Gewinn von 89,8 Milliarden R$ erwirtschaften, das entspricht einem Prokopfjahresumsatz von 175.772 R$, was mit heute 1 € = 2,60 R$ ca. 67.605 €/a oder 5.634 €/Monat wären. Und ich habe nicht Milliarden mit Billionen verwechselt, im portugiesischem Text wird der Umsatz mit „1,08 trilhão R$“ abgegeben. Der mittlere Jahresumsatz einer Firma errechnet sich mit 1,08 Billionen R$ : 138.962 Firmen = 7,772 Mio. R$.

Zur Produktivität wird angegeben, daß 2004 jeder dieser Mitarbeiter im Mittel 65.703 R$ produzierte, was immer das heißen soll. Die Rechnung 6.144.319 Mitarbeiter x 65.703 R$/Mitarbeiter ergibt 403,7 Milliarden R$, was - auch wenn man berücksichtigt, daß die Zahlen sich wahrscheinlich nicht auf das selbe Jahr beziehen - mit dem Umsatz nicht zusammenpaßt, vielleicht ist die Wertschöpfung gemeint?

2005 betrug der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt 39,9 %, die Arbeitslosenquote betrug 4,2 %, 80,7 % war die Kapazitätsauslastung und das Land nahm den 22. Platz in der Produktivitätsweltrangliste ein.

Die fünf Hauptprodukte waren 2004 in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit Dieselöl, mittlere und größere Autos, Benzin, aufbereitete Eisenerze und Kleinwagen mit 1 Liter Hubraum.

Der Anteil der Industrieprodukte am Export lag 2000 bei 74,4 % (absolut 41 Mrd. US$) und 2005 bei 68,5 % (absolut aber 81,1 Mrd. US$).

Das industrielle Wachstum wird für 1973 mit + 17,04 % angegeben, für 1983 mit - 5,92 %, für 1995 mit - 8,18 %, für 2000 mit + 4,81 % und für 2005 mit + 2,52 %.

Dann wird wieder die Produktivität genannt; wenn 1990 ein Beschäftigter der Industrie 100 „Produkte“ herstellte, waren es 2000 im Mittel schon 213.

Im Mittel verdiente ein Industriearbeiter (wobei in Brasilien dieses Wort meist mit Beschäftigtem der Industrie gleichgesetzt wird) 1.058,63 R$, wobei ich davon ausgehe, daß die Bruttomonatsbezüge gemeint sind. Die höchsten Bezüge zahlte mit 2.153,61 R$/Monat der Transportmaterialsektor (Kfz-Branche!), die niedrigsten mit nur 598,01 R$/Monat die Schuhindustrie. Nur 10,9 % aller Industriearbeiter verdienen mehr als zwei Mindestgehälter (welches heute 350 R$ im Monat beträgt).

Um diese Werte im globalem Zusammenhang sehen zu können, werden die Kosten einer Arbeitsstunde für das Jahr 2002 mit 22,86 US$ in Deutschland (höchster Wert, natürlich, wir haben, nein, hatten es ja!), 20,32 US$ in den USA, 8,09 US$ in Südkorea und 3,02 US$ in Brasilien zusätzlich aufgeführt. Das gibt zu denken (oder sollte wenigstens zu denken geben)! Also nochmal, wegen der Wichtigkeit: eine Arbeitsstunde in Deutschland kostet demnach 7,14 mal so viel wie in Brasilien. Also selbst wenn der Brasilianer nur 20 % der Produktivität eines Deutschen erreichen sollte (was sicher nicht der Fall ist), wäre der Deutsche immer noch 1,51 mal teurer!

Die Arbeitsgesetzgebung geht immer noch von 44 h Wochenarbeitszeit aus, wobei die normale tägliche Arbeitszeit 8 h sind und die ununterbrochene Schichtarbeit 6 h. Aber in Recife arbeiten 48,7 % Beschäftigten der Industrie mehr, in São Paulo sind es 44,0 %, in Salvador 39,6 % und in Belo Horizonte 35,6 %.

Täglich dürfen laut Gesetz und Tarifvertrag höchstens 2 Überstunden „geschoben“ werden, diese werden an normalen Arbeitstagen mit 50 % Zuschlag abgegolten, sonn- und feiertags beträgt der Zuschlag 100 %. Bis 1988 hatten 16 % der brasilianischen Arbeiter Überstunden geleistet, heute sind es 40 %. Im ganzen Land sind es heute 41 Millionen Überstunden in der Woche. Kurze Plausibilitätsprüfung: 41.000.000 Wochenüberstunden : (0,4 x 6.144.319 Mitarbeiter) = 16,68 Überstunden pro überstundenleistenden Mitarbeiter und Woche bzw. 3,34 Überstunden pro überstundenleistenden Mitarbeiter und Arbeitstag (bei einer Fünftagewoche). Also macht sich jemand strafbar, denn es dürfen doch nur 2 Überstunden täglich sein, oder?

Zum Schluß wird noch auf die Schulausbildung der Beschäftigten der Industrie 2005 eingegangen: 6,6 % haben die Vierte Serie nicht und 23,3 % haben sie abgeschlossen, 30 % haben die Achte Serie abgeschlossen, 33,9 % haben den Zweiten Grad abgeschlossen und 6,2 % haben die Höhere Schulbildung (superior completo) mit Erfolg absolviert.