18 November 2008

Die Sonnyboys Lateinamerikas

Ob es einem Brasilianer gut oder schlecht geht, scheint sich auf seinen Gemütszustand nicht groß auszuwirken, er ist meist mit sich und dem Leben zufrieden. Das sagt wenigstens die Untersuchung der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID - Banco Interamericano de Desenvolvimento), nach der Brasilien das siebente Land der 23 Lateinamerikas in puncto Zufriedenheit mit dem Leben ist. Auf einer Skala von 1 bis 10 erhielt Brasilien 6,2 (Mittelwert Lateinamerikas = 5,8)und liegt damit gleichauf mit Kolumbien und Jamaika. Den ersten Rang erhielt mit 7,4 Costa Rica (kein Wunder bei dem Namen - Reiche Küste!), das Schlußlicht bildet Haiti, wo Brasilien als UNO-Schutzmacht fungiert, mit 3,8. Immerhin 82 % der Lateinamerikaner sind mit ihrer Arbeit zufrieden - ich wage nicht auszudenken, welcher Wert bei einer Befragung in Deutschland herauskäme. Der wichtigste Zufriedenheitsfaktor ist der Lebensmitteleinkauf - bei uns ist man mit Wenigem zufrieden.

Nordamerika ist die Region mit der größten Zufriedenheit, was sich in einem Wert von 7,5 ausdrückt. Den niedrigsten Wert weist das subsaharische Afrika mit 4,2 auf.

Man merkt, die Werte sind nicht ganz aktuell, die neueste Weltfinanz- und -wirtschaftskrise hat sich nicht auf sie ausgewirkt. Denn es wurden im Rahmen einer weltweiten Studie des Gallup Institutes 40.000 Personen in Lateinamerika befragt, aber zwischen November 2005 und Dezember 2007.

Bezüglich der Zufriedenheit mit der Arbeit erreichte Brasilien mit 89,2 zufriedenen Personen den vierten Rank, noch zufriedener waren 93,6 % der Einwohner Guatemalas, 92,9 % Costa Ricas und 90,6 % Venezuelas. Erstaunlicherweise sind 81 % der Einwohner Lateinamerikas mit ihrer Arbeit (= Anstellung) zufrieden, obwohl ein Viertel der Bevölkerung nicht genug verdient, um der Armut zu entfliehen. Denn das wichtigste Zufriedenheitskriterium war nicht die Einkommenshöhe, sondern die erfahrene Anerkennung und die Flexibilität bei der Arbeit. Das sollten sich die Gewerkschaften hinter die Ohren schreiben.

Leider liegt Brasilien, was die Zufriedenheit mit der Ausbildung angeht, auf den hinteren Plätzen - nur 64 % der Brasilianer, der Guatemalteken und Ekuatorianer sind zufrieden, gegenüber einem Mittelwert von 70 % für Lateinamerika. Der höchste Wert - 85 % - wurde in Guatemala erfragt, der niedrigste - 43 % - in Haiti.

83 % der Brasilianer sind mit ihren Wohnbedingungen zufrieden - trotz unserer Favelas. Ein identischer Wert gilt für Kolumbien und El Salvador. Der Mittelwert beträgt 80 %. Den höchsten Wert weisen die Guatemalteken mit 90 % auf, was vielleicht mit dem Klima in diesem Land zusammenhängt.

Vier von fünf Einwohnern Lateinamerikas sind mit ihrer Stadt und ihren Wohnungen zufrieden, aber trotzdem gehen 60 % - der höchste Wert weltweit - nachts aus Sicherheitsgründen nur ungern alleine auf die Straße. Deswegen war ich nicht erstaunt, als ich im Rahmen eines Projektes einige Zeit in Quito verbrachte, nachts vor den guten Restaurants Wächter mit Pumguns sah.

17 November 2008

Die 20 lukrativsten Banken beider Amerikas (ohne Kanada)

Gewinn in Mio. US$ per Ende September 2008

Wells Fargo - 1.637
Bank of America - 1.177
Bradesco - 997,9 BRASILIEN
Banco do Brasil - 975,3 BRASILIEN
Itaú - 965,2 BRASILIEN
Goldman Sachs - 845
US Bancorp - 576
JP Morgan - 527
State Street - 477
Unibanco - 367,5 BRASILIEN
BB&T - 358
Santander Serfin - 324,1
SunTrust Banks - 312,4
Charles Schwab - 304
Bank of NY Mellon - 303
Santander Brasil - 259,5 BRASILIEN
PNC Bank - 248
GFBanorte - 209,1
Bsantander - 174,7
Chile - 168,6

Kommentar überflüssig!

Brasiliens Import geht schon zurück!

Die Krise zeigt neben der Schwächung des Reals - der Eurokurs liegt augenblicklich bei 2,9315 / 2,9950 - auch die erste Auswirkung auf den Import, der in der ersten Novemberhälfte 2009 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 7,1 % zurückging. Per 16.11.08 betrug der Novemberimport 7,3 Mrd. US$ (731 Mio. US$ / Tag). Kumuliert für das Jahr ist der Import aber gewachsen, insgesamt per angegeben Datum um 21,5 %. Der Export betrug im November per 16.11.08 8,520 Mrd. US$ (852 Mio. US$ / Tag). Dieser mittlere Tageswert ist 21,3 % höher als der des ganzen Novembers 2007 und 1,3 % höher als der von Oktober 2008. Der Handelsbilanzüberschuss der ersten zwei Novemberwochen diesen Jahres ist 1,211 Mrd. US$ (121,1 Mio. US$ / Tag) und ist damit 19,8 % höher als der des ganzen Novembers 2007. Auf's Jahr bezogen wuchs der Export per 16.11.08 um 27,3 % gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres und der Import um 50,1 %! Damit ist der Handelsüberschuss des laufenden Jahres per 16.11.08 um 38,7 % auf 22,031 Mrd. US$ zurückgegangen.


15 November 2008

Sechs Wochen reichen für kräftige €-Aufwertung gegenüber dem R$

Daumen hoch oder runter?

In Europa zeigt er ganz sicher nach unten, denn laut Zeitungsberichten verlieren augenblicklich täglich  fast 10.000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Und zuerst trifft es natürlich die Schwachen, dazu gehören auch Einwanderer. In Spanien sind 46 % der Einwanderer arbeitslos, in den anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus. Und die Lokomotive Europas, Deutschland, stößt den Dampf auch nur noch asthmatisch aus. 2009 soll das BIP um 0,8 % zurückgehen. Wobei ich mich frage, warum der IMF dies nicht klar sagt, sondern von Konzentration spricht. Mit Augenauswischerei ist niemanden gedient. Denn zwischen August und Oktober wurde schon ein Rückgang von 0,5 % festgestellt, im zweiten Quartal waren es bereits 0,4 %.

In Brasilien sieht es (noch?) anders aus, denn hier weist der Daumen auch 2009 nach oben. Wachstum ist angesagt, die Antwort auf das "wieviel?" wäre allerdings reine Spekulation. Werte von 2,5 bis 4,5 % werden diskutiert, lassen wir uns am 31.12.2009 überraschen. Sinkende Nachfrage nach Commodities und gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage sinkende Preise dafür werden auch in Brasilien trotz üppiger tropischer Vegetation die Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen. 

Trotzdem wittern kluge Investoren Morgenluft, z.B. der weltgrößte schwedisch-finnische Papierhersteller Stora Enso, der den herben Währungsverlust von Aracruz ausnutzt, um ihren Anteil an der Veracel zu kaufen. Wenn es Stora Enso gelingt, die Kontrolle der Veracel in die Hand zu bekommen, wäre sie damit der größte Player im brasilianischen Zellulosemarkt. Und Aracruz könnte die durch spekulative Währungsgeschäfte selbst verursachten Schulden bezahlen, mehr als zwei Milliarden Dollar  allein an Banken. Mit 10 bis 15 Jahren Zeit für die Tilgung. Es geht also nicht nur dem kleinen Sparer an den Kragen, mit dem Unterschied, dass dieser dem Geschehen relativ hilflos ausgeliefert ist.

14 November 2008

Standort Brasilien

Brasilien ist groß, da ist die Standortfrage wichtig. Die Automobilindustrie siedelt Zulieferer in der Nähe an wegen der Just in Time - Lieferungen. Und geht in wirtschaftlich entwickelbare Gebiete, weil dort die Lohn- und andere Kosten niedriger sind und Fördermittel winken. Ohne dabei die Logistikkosten zu vergessen, denn die Kunden verteilen sich auf ganz Brasilien. Aber sie konzentrieren sich naturgemäß dort, wo das Land wirtschaftlich am stärksten und die Kaufkraft der dortigen Bewohner am höchsten ist. Wenn man eine ABC-Analyse des brasilianischen BIP nach Lokalität macht, erkennt man, dass sieben Bundesstaaten und der Bundesdistrikt fast 80 % des nationalen BIP auf sich konzentrieren. Und Brasilien hat immerhin siebenundzwanzig Bundesstaaten! 

Laut Mitteilung des IBGE - Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística sind die privilegierten Gebiete São Paulo, Rio, Minas Gerais, Rio Grande do Sul, Paraná, Bahia, Santa Catarina und der Distrito Federal (Stand, wie üblich etwas überholt, von 2006). Von 2002 auf 2006 hat der arme Norden seinen Anteil um 0,4 Prozentpunkte erhöht und der reiche Süden 0,6 Prozentpunkte verloren. Ein Prozentpunkt in dieser Rechnung steht für 23,7 Mrd. R$.

Die Reichen leben, wie kann es anders sein, im Distrito Federal, wo die Regierung sitzt und das Prokopfbruttoinlandsprodukt 37.600 R$ beträgt. São Paulo, auf dem zweiten Platz, hat 19.548 R$ und Rio 17.695 R$. Das Schlusslicht ist mit 4.213 R$ der Bundesstaat Piauí, etwas besser kommen Maranhão mit 4.628 R$ und Alagoas mit 5.164 R$ weg. Der ehemalige Präsident Sarney kommt aus Maranhão und sein Kollege Collor de Mello aus Alagoas, aber das ist sicher ein purer Zufall. Nur Distrito Federal, São Paulo, Rio de Janeiro, Santa Catarina, Espírito Santo, Rio Grande do Sul, Paraná und Mato Grosso lagen 2006 über dem brasilianischem Durchschnitt. São Paulo hatte 2002 noch 34,6 % vom nationalen BIP, 2006 waren es "nur noch" 33,9 %. Rio Grande do Sul verlor ebenfalls, von 7,1 auf 6,6 %.

Jetzt bleibt die Gretchenfrage: Soll man sich dort ansiedeln, wo die Starken sind oder ist es besser, in schwachen Gebieten der König zu sein?
 

Angebot und Nachfrage...

...bestimmen den Wert einer Ware. Und wenn die Ware Geld heißt, ist der (Auf-) Preis der Zinssatz, zu dem es ausgeliehen wird. Und an diesem zeigt sich, daß Brasilien doch nicht so ganz ungeschoren davonkommt, wie es uns unser Präsident weismachen wollte. Denn die heutigen Zinsen sind so hoch wie seit Mai 2003 nicht mehr. Der deutsche Leser zittert wahrscheinlich jetzt oder zieht ungläubig die Augenbrauen hoch, aber es ist wahr! Ein persönlicher Kredit kostet 6,15 % im Monat bzw. 104,57 % im Jahr. Aber es kommt noch schlechter! Wer seine Kreditkartenschulden nicht am vereinbarten Tag bezahlt, wird mit einem Zinssatz von 9,24 % im Monat bzw. 188,7 % im Jahr bestraft. 

12 November 2008

Stellenangebot AREA SALES MANAGER SÜDAMERIKA in SÃO PAULO

Ich suche für eine deutsche Firma den AREA SALES MANAGER für Südamerika, der der Aufzugsdivision zugeordnet sein wird. Der Einsatzort ist überwiegend São Paulo.

Zu seinen Aufgaben gehört die kaufmännische und technische Beratung der Kunden in Südamerika, der Ausbau des Geschäftes mit bestehenden und neu zu gewinnenden Kunden auf dem südamerikanischen Sektor mit Seilprodukten, die selbständige Initiierung, Koordinierung und Betreuung aller vertrieblichen Aktivitäten und die Unterstützung bei der Auslegung von Tragmitteln für Aufzugsanlagen.

Die Voraussetzungen, die ein erfolgreicher Bewerber erfüllen muss, sind eine technische Ausbildung idealerweise in der Aufzugstechnik, verhandlungssicheres Englisch, Spanisch oder Portugiesisch, nachweisbare Erfolge im Vertrieb, Reisebereitschaft weltweit, selbstständige Organisation und gute Strukturierung, selbstsichere und zielorientierte Persönlichkeit mit Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen, hohes Maß an Engagement und Leistungswillen.

Vollständige Bewerbungen mit Lebenslauf, Foto, Zeugnissen und Angabe von Referenzen bitte an mich unter eurolatina@eurolatinainternational.com.br mit Angabe des Gehaltswunsches und des frühesten Termins für einen Arbeitsbeginn. 

08 November 2008

Das Budget der brasilianischen Landeshauptstädte und der Bundeshauptstadt 2009

  1. São Paulo: 29,4 Mrd. R$
  2. Rio de Janeiro: 12,1 Mrd. R$
  3. Brasília: 12,0 Mrd. R$
  4. Belo Horizonte: 6,2 Mrd. R$
  5. Curitiba: 3,7 Mrd. R$
  6. Fortaleza: 3,4 Mrd. R$
  7. Porto Alegre: 3,2 Mrd. R$
  8. Salvador: 2,9 Mrd. R$
  9. Recife: 2,34 Mrd. R$
  10. Manaus: 2,32 Mrd. R$
  11. Goânia: 1,9 Mrd. R$
  12. Vitória: 1,29 Mrd. R$
  13. Maceió: 1,2 Mrd. R$
  14. João Pessoa: 1,1 Mrd. R$
  15. Teresina: 1,09 Mrd. R$
  16. Natal: 1,07 Mrd. R$
  17. Aracaju: 0,96 Mrd. R$
  18. Palmas: 0,48 Mrd. R$
  19. Rio Branco: 0,37 Mrd. R$
  20. Boa Vista: 0,35 Mrd. R$

Arbeitsplatzangebot in Brasilien

Wie so oft, liegen keine aktuellen Zahlen vor, was dem Chefpiloten Lula seine Aufgabe nicht erleichtert. Aber wir wissen, dass 2007 das Arbeitsplatzangebot um 7 % wuchs, allerdings differenziert. Wer nichts oder wenig gelernt hat, hat für seine Kategorie sogar einen Arbeitsplatzrückgang hinnehmen müssen.

Neue Arbeitsplätze 2007 gegenüber 2006 nach Ausbildungsniveau:
  • - 1,13 %: Analphabet
  • + 0,59 %: 4. Serie inkomplett
  • - 1,91 %: 4. Serie komplett
  • + 1,23 %: 8. Serie inkomplett
  • + 3,84 %: 8. Serie komplett
  • + 5,08 %: mittlere Ausbildung (ensino médio) inkomplett
  • + 11,69 %: mittlere Ausbildung komplett
  • + 5,32 %: höhere Ausbildung (ensino superior) inkomplett
  • + 10,75 %: höhere Ausbildung komplett
Akademiker können also nicht nur im Falle einer strafrechtlichen Verurteilung die Wegschließung in einem Spezialgefängnis erwarten, sondern auch das am meisten wachsende Arbeitsplatzangebot.

Die internationale Finanzkrise und Brasilien

Zuerst meinte Präsident Lula noch, die Krise sei ausschließlich Sache des US-amerikanischen Präsidenten und würde an Brasilien vorbeigehen. Aber der Schönwetterpilot Lula muß sich jetzt doch bei schlechterem Wetter behaupten und seinen Weg im Instrumentenflug verfolgen. Wobei er eines seiner Ziele, nämlich 2009 Brasilien zwar nicht mehr fünf oder sechs, aber mindestens 4 Prozent wachsen zu lassen, nicht aus den Augen verliert. Deshalb wird ein 24 Mrd. R$ - Hilfspaket geschnürt und Steuerfristen verlängert. Allein die letztere Maßnahme, nämlich 5 bis 10 Tage mehr Zeit, um Steuern zu zahlen, gibt der Wirtschaft 21 Mrd. R$ Cash flow - Entlastung. Das heißt, die Firmen haben 10 Tage lang 21 Mrd. R$ mehr Umlaufkapital, denn IPI wird jetzt nicht mehr am 15., sondern am 25. des Monats gezahlt; PIS und Cofins nicht mehr am 20., sondern am 25. und IRRF und Contribuição Previdenciária nicht mehr am 10., sondern am 20. des Monats. Außerdem wurde Mittel für Kredite bereitgestellt, u.a. 5,2 Mrd. R$ für KMUs, die der CODEFAT - Conselho Deliberativo do Fundo de Amparao ao Trabalhador freigegeben hat. Die Banco do Brasil wird den Automobilbauern 4 Mrd. R$ zu marktüblichen Zinsen leihen. Im Oktober 2008 waren der Fahrzeugabsatz gegenüber dem Vormonat um 11 % zurückgegangen, die Produktion allerdings nur um 1,3 %. Damit wurden Entlassungen vermieden, aber der Bestand an unverkauften Neufahrzeugen mit 297.700 Einheiten ist bereits größer als Produktion im Oktober mit 296.000 Fahrzeugen. Goodyear hat bereits Werksferien für 2.100 Mitarbeiter angekündigt, andere Autoteilehersteller folgen diesem Beispiel. Folgerichtig hat der Internationale Währungsfond seine BIP-Vorhersage für Brasilien auf 3 % heruntergesetzt, weltweit wird 2009 ein Wachstum von nur 2,2 % erwartet. Vale, die mit Preiserhöhungen für Eisenerz nicht zimperlich ist, hat Preisdiskussionen verschoben und signalisiert, dass der größte Kunde - ArcelorMittal -  seine Abnahmeverpflichtungen nicht einhalten muß. Aber einer hat gewonnen mit der Krise, nämlich die Zentralbank, sie gewann 4,4 Mrd. US$ durch den Anstieg des Dollarkurses gegenüber dem Real. Allerdings hatten wir im Oktober den größten Dollarabfluß seit 1999, als der Real abgewertet wurde; der aktuelle Abfluß wird mit 4,6 Mrd. US$ angegeben. Und unsere Regierung will sogar den Haushalt um 8 Mrd. R$ kürzen, es geschehen noch Zeichen und Wunder, denn jetzt gilt: Spare in der Not, dann hast Du Zeit dazu!

G20-Gipfel in São Paulo

Heute und morgen werden die Finanzminister und Zentralbankpräsidenten der G20-Länder Südafrika, Deutschland, Saudi-Arabien, Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada, China, Südkorea, Frankreich, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Mexiko, Russland, Türkei, Großbritannien und USA die Neugestaltung des Weltfinanzsystems und Reformen im Internationalen Währungsfond und in der Weltbank diskutieren. Haben Sie übrigens mitgezählt? Die G20-Länder, die zusammen 90 % des Welt-BIP erwirtschaften und 80 % des Welthandels auf sich vereinen sowie zwei Drittel der Weltbevölkerung beherbergen, sind nur neunzehn. Unter diesen neunzehn Ländern gehören acht, nämlich die USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada und Russland dem exklusiven Zirkel der G8-Länder an, die in der Weltbank und im Internationalen Währungsfond den Ton angeben. Die Weltbank befürwortet eine Erweiterung der G8-Länder, um u.a. den BRIC-Staaten mehr Gewicht und Stimme zu geben. Brasilien unterstützt dieses Bestreben stark. Zu recht, denn 2009 wird das erwartete globale Wirtschaftswachstum von 3 % zu 75 % in den Schwellenländern stattfinden. 

Brasilien rechnet z.Z. mit einem Wachstum von bis zu 4 % im nächsten Jahr, also ein guter Grund für deutsche Geschäftsleute, sich hier zu engagieren. Was in diesem November eine Delegation von Medizintechnikunternehmen in São Paulo versuchen wird. Auf der MEDICA in Düsseldorf stellen übrigens 55 brasilianische Unternehmen aus, mit denen ich in Verbindung stehe. Einige dieser Firmen haben schon mehrmals in Deutschland ausgestellt und freuen sich als Exporteure natürlich über den schwächeren Real. Wenn Sie zufälligerweise an einem Kontakt mit den brasilianischen Ausstellern interessiert sind, von denen manche noch Vertreter und Händler in Deutschland suchen, können Sie mich ruhig ansprechen. Am besten wäre eine Mitgliedschaft im Brasilienpool der IHK Essen, darüber suchen wir nämlich nicht nur kostengünstig Verkaufsmöglichkeiten für deutsche und österreichische Unternehmen in Brasilien, sondern auch Einkaufsmöglichkeiten. Details können Sie bei mir anfordern, schicken Sie einfach eine E-Mail.

Casas Bahia öffnet Läden in Bahia

Hört sich paradox an und ist es eigentlich auch. Aber der Gründer der größten brasilianischen Einzelhandelskette für Möbel und elektrische Haushaltsgeräte, der polnische Auswanderer Samuel Klein, fing sein Geschäft nun mal 1957 in São Caetano do Sul bei São Paulo und nicht in Bahia an. Heute arbeiten in der Kette, die dieses Jahr 14 Mrd. R$ Umsatz machen wird, wesentlich mehr als 20.000 Leute. Und jetzt endlich gilt "Nomen est Omen", denn bis Ende 2009 sollen im Bundesstaat Bahia 30 Läden aufgemacht werden. Die Läden werden von einem neuen Verteilerzentrum (oder sagt man heute Distribution Center?) mit 400 Mitarbeitern in Camaçari aus bedient werden. Das Zentrum kostet 24 Millionen R$ und wird auf einem 100.000 Quadratmeter - Grundstück gebaut werden, welches die Regierung des Bundesstaates dem Unternehmen schenkte. Außerdem wird die Firma weniger ICMS (Warenumlaufsteuer) zahlen als normal.

Die gelbe Gefahr

hat schon Kaiser Wilhelm heraufbeschworen und hat dabei bestimmt nicht an die FDP gedacht. Wir in Brasilien bekommen diese jetzt auch zu spüren. Bisher konnte man sich darauf verlassen, dass das tägliche Brot, bevor es auf den Frühstückstisch kam, mit einem VW-Transporter, dem berühmten Bully, der hier immer noch gefertigt wird, transportiert wurde. Und wenn der Brotausfahrer mehr als die 42.000 R$ hatte, die der VW-Transporter kostet, kam das Brot vielleicht sogar in einem Mercedes-Benz Sprinter für 83.000 R$ zum Supermarkt. Das wird sich wahrscheinlich bald ändern, denn auf dem Internationalen Automobilsalon, der an diesem Wochenende in São Paulo zu Ende geht, wurden die chinesischen Transportermodelle Chana, Hafei und Jinbei gezeigt, die ab 20.000 R$ zu haben sind. In einer wie weit entfernten Zukunft auch immer sollen diese Modelle sogar in Brasilien montiert werden. Das hat übrigens die Asia Motors do Brasil, die die Modelle Towner und Topic importiert hatte, auch versprochen. Bis sie in Konkurs ging und eine Milliarde R$ Schulden hinterließ. Unbezahlte natürlich.

Zurück zur Normalität?

Der Kursausschlag des Euro gegenüber dem Real nach oben hat vielleicht sein Ende gefunden. Es sieht zumindest beim Betrachten des Diagramms so aus, als ob sich der Kurs wieder auf die Bandbreite der letzten zwei Jahre zurückbewegt. Aber man weiß nie, ob nicht wieder etwas Unvorgesehenes geschieht. Sie kennen ja die Geschichte vom arglosen Truthahn, der sich 1000 Tage lang gut behandelt fühlte und nicht erwartete, daß er das nächste Erntedankfest nicht mehr erleben würde. Aber in seinem Fall wußten wenigstens seine Schlächter, was Sache ist. Beim Wechselkurs scheint es, also ob weder Regierungs- noch Zentralbankchefs gute Verbindungen nach Delphi haben geschweige denn wirkungsvolle Gestaltungsmöglichkeiten.

06 November 2008

DREISSIG JAHRE

Was ist nicht alles 30 Jahre alt? Die Mondlandung ist schon über dreissig Jahre her, das Mitbestimmungsgesetz, Star Wars und das "Studio 54" in New York sind mehr als dreissig Jahre alt und der DAAD - dessen Belange ich bis 1982 an der Getúlio Vagas - Wirtschaftshochschule in São Paulo vertreten habe, war im Mai 2008 genau dreissig Jahre in Japan ansässig. Und damit kommen wir zum Punkt, auch ich habe ein DREISSIG JAHRE - JUBILÄUM zu feiern. Heute vor genau dreissig Jahren stieg ich in Frankfurt in eine DC10 der VARIG, um nach Brasilien auszuwandern. Der morgige Tag ist in meinem brasilianischen Personalausweis als Einreisetag festgehalten. Damals war noch der deutschstämmige General Geisel Präsident und wenige Tage nach meiner Einreise, während des "Wahltages", lernte ich die trockene Seite Brasiliens kennen, an diesem Tag wurde nämlich kein Alkohol ausgeschenkt. Selbst mein Hotelkühlschrank war sorgfältig von diesem Mittel zur Wahlbeeinflussung und Streitunterstützung bei politischen Diskussionen befreit worden. Die Anführungsstriche habe ich benutzt, weil die Wahlen in Wirklichkeit überflüssig waren, es stand - wir waren noch in einer Demokratur - schon fest, dass General Figueiredo nächster Präsident werden würde. Meine ersten Eindrücke damals waren riesige Fleischportionen, noch größere Pizzas, Erdstrassen mitten in São Paulo, überall Oberleitungen und fürchterlich alte und primitive Autos. Dazu jede Menge schwarz-weiße US-Kriegsfilme mit Untertiteln und antideutschem Inhalt. Und Fabriken, in São Paulo an jeder Straßenecke. Nette Menschen, die sich bemühten, mich zu verstehen, Fenster, die an Einfachheit und Winddurchlässigkeit nicht zu übertreffen waren, kein Radar auf den Straßen, aber auf den sogenannten Autobahnen jede Menge Polizeiposten. Und kurz nach meinem Dienstantritt als Produktionsvorstand eines Autoteileherstellers die ersten Streiks, angeführt vom jetzigen Präsidenten Brasiliens. Ich sollte drei Jahre bleiben, daraus wurden vier, gefolgt von drei Jahren Südafrika und zwei Jahren Mexiko, anschließend kehrte ich nach Brasilien zurück, zum Leidwesen meiner brasilianischen Frau und Tochter, denen es im Ausland sehr gefallen hatte. Und damit bin ich jetzt fünfundzwanzig Jahre in Brasilien, kann also Silberhochzeit mit dem Land feiern. Und mit meiner Frau auch, allerdings erst im Januar 2009.  

03 November 2008

Itaú und Unibanco fusionieren

Bisher war Bradesco die größte Privatbank Brasiliens, aber nachdem heute die Fusion der bisherigen Nr. 2 (Itaú) und Nr. 4 (Unibanco) verkündet wurde, ist, gemessen an den eingebrachten Aktiva, die neue Bank in São Paulo sogar größer als die staatliche Banco do Brasil und ist jetzt das größte Finanzinstitut Lateinamerikas. Es wird durch den Zusammenschluß 14,5 Mio. Kunden in 4.800 Filialen bedienen.

Die Bankchefs erwähnten ausdrücklich, daß die Fusion nicht wegen der internationalen Finanzkrise ausgelöst wurde und daß es keine Entlassungen geben werde. 

02 November 2008

Arbeiten in Brasilien und anderswo

In der Rubrik "Arbeiten im Ausland" wurde heute in der FAZ der Artikel "Aus den Augen, aus dem Sinn" von Christian Parth veröffentlicht, den ich hier wiedergebe, weil er natürlich auch auf Brasilien paßt und teilweise meine Erfahrung mit KMUs widerspiegelt, die sich hier engagieren. Nur eine Anmerkung zur Sammlung erlesener Weine habe ich, die wegen der hohen Importkosten in Asien bleiben musste. Ich habe bereits in Brasilien, Südafrika und Mexiko als Resident gelebt und konnte als Einwanderer mit meinem Umzugsgut immer alles was ich wollte einführen, ohne Zoll zahlen zu müssen. Hätte ich anschließend Wein einführen wollen, wäre Zoll erhoben worden, aber mit dem Umzugsgut zusammen nicht.

Über den Seitenhieb auf Schwimmbad und Tennisplatz musste ich schmunzeln, auch ich hatte darunter schon "zu leiden", denn in Südafrika gehörten diese Dinge zum Standard auch der Mittelschicht, aber in Deutschland sagte ein wohl neidischer Kollege: "Der lebt ja besser als unser Präsident!"  Dabei hatte dieser selbst in Südafrika gelebt, war aber wohl zu geizig, sich obige Attribute zu leisten. 

Was für den Einen eine Chance ist, bedeutet für den Anderen eine Strafversetzung. Ich begegnete nach meiner Entscheidung, einen Vorstandsposten in Brasilien anzunehmen, dem Betriebsratsvorsitzenden und AR-Mitglied meines damaligen Arbeitgebers, mit dem ich als leitender Angestellter zwar keine Berührung hatte, der mich aber durch einen Vortrag kannte, den ich vor dem Betriebsrat über Wertanalyse gehalten hatte. Der besagte Herr, der auch SPD-Stadtrat war, fing mich auf dem Parkplatz ab und sagte mir: "Ich habe gehört, Sie müssen nach Brasilien gehen. Sie wissen doch, ich bin im Aufsichtsrat, wenn Sie hier bleiben wollen, sagen Sie es mir!" Worauf ich nur antworten konnte: "Ich muß nicht, ich darf!".

Bevor ich den Artikel wiedergebe, noch eine andere Erinnerung. Diese betrifft eine Karikatur, auf der ein "Heimkehrer" in einem Großraumbüro an seinem Schreibtisch sitzt, der von der Statue einer Negerin geschmückt wird. Vor ihm stützt sich ein Kollege auf dem Schreibtisch ab und fragt hämisch: "Und in Afrika sollen Sie sogar eine Sekretärin gehabt haben?"

AUS DEN AUGEN, AUS DEM SINN

Die Rückkehr kann grausam sein

Ab ins Ausland, weit weg von zu Hause, das wollte Uwe Kirschner schon immer. Gelandet ist er vor knapp einem Jahr in Santiago de Chile, zusammen mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern. Kirschner ist dort Geschäftsführer von Bosch. Er mag die Atmosphäre der südamerikanischen Metropole, auch wenn er seine Gewohnheiten ändern musste. Shoppen und Flanieren wie in Stuttgart gehören nicht zum chilenischen Gemüt. Auch dass seine chilenischen Kollegen spontane Zusammenkünfte wochenlang geplanten Meetings vorziehen, musste der Deutsche erst lernen. Kirschner ist einer von 2700 Mitarbeitern, die im vergangenen Jahr für Bosch im Ausland tätig waren. Nach ihrer Rückkehr sollen die Entsandten ihre neuen Erfahrungen im schwäbischen Hauptquartier einbringen.
Mit diesem Anspruch entsenden zahlreiche Unternehmen ihre Mitarbeiter in ferne Länder. Doch nicht immer läuft alles glatt. Laut einer neuen Studie der Unternehmensberatung Deloitte haben deutsche Firmen noch immer viele Probleme, wenn es um den internationalen Einsatz von Mitarbeitern geht. Ein Drittel der befragten Firmen beklagen einen Mangel an qualifizierten Kandidaten. Doch nicht nur das. Wer sich bereit erklärt, mit Kind und Kegel ins Ausland zu ziehen, wird von den Unternehmen häufig grundlos verheizt. Die Zahlen der Studie ernüchtern: Ein Drittel der Heimkehrer verlässt noch im ersten Jahr nach der Wiederankunft in Deutschland frustriert den Arbeitgeber, weil vernünftige Anschlusspositionen fehlen. „Das ist ein erschreckendes Ergebnis“, sagt Udo Bohdal von der „Human Capital Advisory“ von Deloitte.

Einst uninteressant: Interkulturelle Kompetenz, Integration

Es mangele an vielem, erzählt Helga Bailey, Leiterin von „Start up Services“. Der Münchner Dienstleister berät seit den achtziger Jahren Unternehmen, die Mitarbeiter in alle Welt entsenden. Damals war ihre Kundschaft ausnahmslos amerikanisch. Die Deutschen sahen Intermezzi im Ausland meist pragmatisch entgegen. Die Vorbereitung erledigte die Sekretärin des Personalchefs nebenbei. Es lag an ihr, sich über die aktuellen Steuer- und Sozialversicherungsbestimmungen im Gastland zu informieren. Von interkultureller Kompetenz, Integration und der Familienproblematik wollte niemand etwas wissen. Ob der Partner arbeiten will, welcher Kindergarten passt, welche kulturellen Eigenarten lauern – all das sind Fragen, die gerade mittelständische Unternehmen noch immer unbeantwortet lassen, sagt Bailey. Getreu dem Motto: „Es wird sich fügen.“ Dabei trüben oft schon banale Dinge die Laune. Bailey musste kürzlich einem südafrikanischen Pärchen, das von Singapur nach Deutschland kommt, traurige Kunde überbringen. Wegen der hohen Einfuhrkosten mussten die beiden ihre Sammlung erlesener Weine in Asien zurücklassen.

Die Vorbereitung der sogenannten Expats gilt unter Fachleuten als besonders wichtig. Und trotzdem schneiden viele Unternehmen in dieser Hinsicht miserabel ab. „Sie schauen oft nur auf die Qualifikation des Mitarbeiters, nicht aber auf sein Umfeld“, sagt Bailey. Häufig unterschätzt wird die Rolle des Partners, der seinen Job aufgibt und im Ausland so schnell nichts Passendes findet. Auch Familie Kirschner musste darüber diskutieren. Für die Frau, in Deutschland noch als Spanischlehrerin in Lohn und Brot, gab es in Chile keine angemessene Stelle. Doch in diesem Fall sorgte der Arbeitgeber vor. Bosch zahlt Kirschners Gattin eine Weiterbildungspauschale. Mit dem neuen Unterrichtsmaterial für Baden-Württemberg hält sie sich nun auf dem Laufenden.

Neues Leben gewöhnungsbedürftig

Das neue Leben in Südamerika ist für die Kirschners häufig noch gewöhnungsbedürftig. Eine Erfahrung, die nahezu jeder Entsandte macht. Deshalb sei die Schulung interkultureller Kompetenz so wichtig, sagt Brigitte Hild, Geschäftsführerin des Internetportals Going Global, das Expats und deren Angehörige online berät. Ein Manager, der entsandt wird, um etwa im Tochterunternehmen in Japan die Führungsebene zu schulen, muss schnell lernen, einen patriarchalen Ton anzuschlagen. Doch selbst was den Deutschen auf den ersten Blick kulturell artverwandt erscheint, birgt bisweilen die ärgsten Fallstricke.

Es mag banal klingen, erzählt Hild, aber ein deutscher Manager in Frankreich sollte seine Geschäfte auch in der Landessprache erledigen. Denn dem Franzosen, das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, ist die eigene Sprache heilig. Die Nachbarn legen zudem auch im Geschäftsleben Wert auf „savoir vivre“. Die ersten Geschäftsanbahnungen finden zumeist bei ausgedehnten Mittagessen statt. Wer zwischen Zwiebelsuppe und Froschschenkeln ungeduldig Zahlen sprechen lassen will, sammelt Minuspunkte. Zuerst wird gespeist und über die Familie parliert, erst dann kommen die Bilanzen.

Deutsche schnell, Amerikaner unernst

Viola Skepeneit, selbst Expat bei Deloitte, hat in New York ähnliche Erfahrungen gesammelt. Während die Deutschen gerne schnell zur Sache kommen, lassen die Amerikaner anfangs den Ernst gerne mal vermissen. In den Besprechungen werden in den ersten zehn Minuten bevorzugt Soft Skills beansprucht. Hauptsächlich geht es dabei um die jüngsten Sportereignisse. So sah sich auch die ehrgeizige Beraterin bemüßigt, Baseball- und Football-Ergebnisse zu studieren. Auch vom deutschen Lieblingswort Problem sollte man besser nicht reden. Die Amerikaner haben sich dafür einen Euphemismus erdacht und sprechen von „Herausforderungen, die man meistern wird“, weiß Skepeneit. „Wer diese Dinge nicht beachtet, kann schnell auf die Nase fallen.“

Ein Expat hat es wahrlich schwer. Während er im Ausland um Leistung und richtige Etikette bemüht ist, verblassen zu Hause schon die Erinnerungen an den reiselustigen Kollegen. Nach drei Jahren in einem Tochterunternehmen in Kasachstan gerät man schnell in Vergessenheit. „Schon während des Auslandsaufenthalts sollten Expats daher gezielt Selbst-PR betreiben“, rät Brigitte Hild. Erfolgreiche Projekte sollten sie in die Mitarbeiterzeitung bringen oder im Intranet darüber berichten. Auf dem Heimaturlaub macht sich auch ein Abstecher in der Firma immer gut. So lassen sich wichtige Seilschaften pflegen, die den Entsandten regelmäßig mit dem heimischen Flurfunk versorgen.

Frust lauert überall

Denn die Rückkehr kann grausam sein. Frust lauert überall. „Es ist die schwierigste Phase“, sagt Hild. Der Entsandte sollte sich zwar vorher vertraglich um eine Rückkehrklausel kümmern. Doch wer länger als drei Jahre im Ausland ist, kann keine konkreten Anschlussjobs erwarten. „Zu schnell verändern sich die Unternehmen.“

Caroline Wiedenmann hatte dieses Problem nicht. Während ihrer Ausbildung zum Brand Manager eines großen Waschmittelherstellers setzte sie durch, früher als vom Unternehmen eigentlich erlaubt ein Jahr nach England zu gehen. Ihre Wiedereingliederung war gesichert, denn sie musste in Deutschland noch weitere Stationen durchlaufen. Obwohl im Ausland alles nach Wunsch verlief, war sie jedoch erstaunt, dass sich die Chefs nach der Rückkehr kaum für ihren Aufenthalt auf der Insel interessierten. Sie suchte nach Erklärungsansätzen: „Aus Headquarter-Sicht wurde die Auslandsentsendung zwar als wichtig, aber eher als berufliche Seitwärtsentwicklung gesehen.“

„Hier begehen die Unternehmen einen großen Fehler“, sagt Hild. „Die gesammelten Erfahrungen verpuffen einfach.“ Dabei sind sie kostbar. Immerhin verschlingt der Arbeitsplatz im Ausland im Schnitt doppelt so viel Geld wie im Heimatland, hat Bosch errechnet. Das schwäbische Unternehmen hat gelernt, das Potential seiner Teilzeit-Ausländer zu nutzen. Wenn Uwe Kirschner etwa aus Chile zurückkehrt, kann er sich über Seminare zum Länderreferenten ausbilden lassen und seine Erfahrungen aus Südamerika an die Mitarbeiter weitergeben.

Großer Fisch im kleinen Teich

Manchmal müssen Unternehmen Entsandte regelrecht in die Heimat zurückzwingen. „Manche heben im Ausland ab und werden zum großen Fisch im kleinen Teich“, weiß Hild. Manch einer sah jahrelang morgens beim Verlassen der Villa das blaue Poolwasser in der Sonne glitzern und erfreute sich am Anblick der braunen Asche, die der Wind auf dem hauseigenen Tennisplatz vor sich herjagte. In Deutschland wartet die Doppelhaushälfte mit Gartenanteil. „Das macht die Rückkehr nicht gerade einfach“, sagt Bailey. „Der Lebensstandard muss runter, die Brötchen werden kleiner.“

Uwe Kirschner weiß, dass seine Rückkehr ins Ländle eine spannende Phase werden wird. Denn auch bei Bosch muss ein Expat zuweilen Geduld aufbringen, bis die gewünschte Anschlussaufgabe frei wird. Länger als fünf Jahre in seinem Gastland zu bleiben ist für ihn aber keine Option. Er weiß, dass ausländische Mitarbeiter hier schnell „chilenisiert“ werden. Und so gerne er Chile auch mag – das möchte er dann doch nicht.


Wer Mitarbeiter auf Brasilien vorbereiten möchte, sollte sich mit meinem Partner Harald Sterzinger in Gärtringen (bei Stuttgart) Verbindung setzen. Er hat schon mit mir in Brasilien gearbeitet und ist Personalentwickler, der sich auf diesem Gebiet bestens auskennt. In meinem Buch "Wirtschaftsboom am Zuckerhut" finden Sie viele weitere Hinweise zum Thema Eingliederung in Brasilien.

01 November 2008

Was gut ist für die Autoindustrie muß noch lange nicht gut sein für den Autofahrer

Uns werden wie jetzt wieder in São Paulo auf den Autosalons der Welt immer schönere und bessere Fahrzeuge gezeigt. Aber wenn es um substanzielle Verbesserungen geht, die nur indirekt dem Wohl der Autobenutzer dienen, muß die Kfz-Industrie oft vom Gesetzgeber zu Maßnahmen gezwungen werden. Das war bei der Abgasverringerung so, bei der Einführung des Sicherheitsgurtes, der Kopfstützen für den hinten in der Mitte sitzenden Passagier und ist jetzt nicht anders bei werksseitig vorgesehenen Einrichtungen zur Verringerung des Fahrzeugdiebstahls. Ab 1. August 2009 müssen die Fahrzeughersteller in Brasilien nämlich Ortungs- und Fernblockiereinrichtungen in ihre Erzeugnisse einbauen. Bis 2010 sollen alle Neufahrzeuge - seien es Pkw, Lkw, Omnibusse, Geländefahrzeuge oder Motorräder - mit solchen Einrichtungen versehen sein. Merkwürdig, daß solche Maßnahmen nicht in eigener Initiave ergriffen und als Kundennutzen verkauft werden. Dabei haben Autokäufer und Wähler eines gemeinsam, sie werden immer klüger und selbständiger, das sollten die Hersteller gebührend berücksichtigen!

Sinkende Stahlpreise?

Bisher sah es anders aus, denn in den 12 Monaten bis Oktober 2008 stiegen sie im Großhandel, gemessen am IGP-10 (Índice Geral de Preços = Allgemeiner Preisindix) insgesamt um 40,87 %. Kein Wunder, daß VALE, zweitgrößte Minengesellschaft der Welt und nach Petrobrás das größte brasilianische Unternehmen, zur lukrativsten Firma Lateinamerikas erklärt wurde. 

Aber "Von nun an geht's bergab" hat schon Hildegard Knef gesungen und VALE sieht die aktuelle Situation am Weltmarkt für Eisenerz wohl unter diesem Gesichtspunkt, denn die Produktion wird 30.000 to Eisenerz weniger als vorgesehen produzieren und wegen der Produktionskürzung Mitarbeiter in Minas Gerais für 15 bis 20 Tage auf Zwangsurlaub schicken. Eine weitere Auswirkung betrifft die brasilianische Handelsbilanz, denn mit der Produktionskürzung geht in den nächsten 12 Monaten ein Exportrückgang von 2,2 Mrd. US$ einher. 

VALE ist Brasiliens größter Nettoexporteur (Export unter Abzug etwaigen Importes). Per September 2008 war die Firma für 6,7 % des brasilianischen Handelsbilanzüberschusses verantwortlich!

Wegen dieser Gesamtlage erwartet Francisco Pessoa Faria von der FGV - Fundação Getúlio Vargas für das nächste Jahr einen Rückgang der Stahlpreise um 10 %. Da wir die Auguren nicht mehr befragen können, ist das die beste Vorhersage, die ich finden konnte.

30 Oktober 2008

Standort Brasilien

Wer sich den Kursverlauf der VW-Aktie ansieht, muß zum Schluß kommen: Hände weg vom Aktienmarkt. Und wer sich den Wechselkurs des Euro gegenüber dem Real ansieht, kommt wohl zum Schluß: Hände weg vom Export nach Brasilien!

In beiden Fällen sehen wir plötzliche extreme Änderungen, die ein in sich ruhendes System destabilisieren können. Und bis wieder Ruhe eintritt, muß man oft das Einschwingverhalten des Regelsystems, denn darum handelt es sich technisch gesehen, über sich ergehen lassen. Und soziale Regelsysteme können nicht so einfach wie technische beherrscht werden, dazu gibt es zu viele Einflußgrössen mit komplexer Verknüpfung.

Wenn man also nicht exportieren will, weil man sich den Gefahren der Wechselkursschwankungen und der Kurssicherung nicht aussetzen will, was bleibt dann übrig? Der österreichische Kunststoffhersteller Semperit hat eine erste Antwort darauf gefunden. Er hat nämlich die brasilianische Vertriebsgesellschaft Fenix Comércio Exterior Ltda. übernommen, die seit Jahren schon ihr Vertriebspartner für medizinische Schutzhandschuhe war. Die Gesellschaft firmiert künftig unter Sempermed Brazil Comercio Exterior Ltda. und soll dafür sorgen, daß Semperit Südamerika von Brasilien aus flächendeckend bedienen kann, weil man die Wachstumspotentiale der Region erschließen will. Weiterer Vorteil ist, daß man auf eigene Rechnung importiert und ab Lager verkauft. Die Rechnungen der Mutter können damit auch so bedient werden, wie es der Wechselkurs erfordert. Der nächste Schritt wäre eine lokale Fertigung.


 

29 Oktober 2008

€-R$-Wechselkurs der letzten drei Monate und der letzten 5 Jahre


Bier und die Staatsanwaltschaft

Die drei Brauereien Ambev, Schincariol unjd Femsa teilen sich 87 % des brasilianischen Biermarktes, der über 20 Mrd. R$ im Jahr umsetzt. Allein in Werbung wurden 2007 von den Brauereien 961,7 Mio. R$ investiert. Als ob man einen Brasilianer überzeugen müßte, Bier zu trinken! Aber das Geld wurde auch eher ausgegeben, um ihn dazu zu bringen, die aus Sicht des Investors richtige Marke zu trinken.  Per September 2008 haben die Biertrinker dann auch schon 6 % mehr getrunken als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, insgesamt waren es 5,5 Millionen Liter.

Leider sind 12,3 % der Bevölkerung alkoholabhängig oder stehen kurz davor. Über das SUS - Sistema Único de Saúde wurden zwischen 2002 und 2006  dann auch 36,88 Mio. R$ für die Behandlung Alkohol- und Drogenabhängiger ausgegeben. Die Sozialversicherung INSS hat wegen auf Alkoholkonsum zurückzuführende Krankheiten noch tiefer in die Tasche (der Beitragszahler) greifen müssen und 100 Mio. R$ zwischen 2005 und 2007 ausgegeben. 

Der Alkoholteufel ist nach Ansicht von Experten für 10 % aller Todesfälle in Brasilien verantwortlich. darüberhinaus werden 60 % der Verkehrsunfälle auf Alkoholeinfluss zurückgeführt. Der Alkohol spielt auch bei 70 % der Gutachten über gewaltsame Todesfälle ein Rolle. 

Leider haben 65 % der Grund- und Mittelschüler (1. und 2. "grau") schon Alkohol genossen, die Hälfte davon begann zwischen 10 und 12 Jahren Alkohol zu trinken.

Dieses triste Bild hat jetzt die Bundesstaatsanwaltschaft von São José dos Campos dazu gebracht, Anklage zu erheben. Betroffen sind die eingangs erwähnten drei Großbrauereien, die zusammen 2,764 Mrd. R$ Schadensersatz an den Staat zahlen sollen. Der identische Wert soll in vorbeugende und behandelnde Maßnahmen und in Anzeigenkampagnen investiert werden, mit denen vor ungebremstem Alkoholgenuß gewarnt wird.

Hoffentlich ist nicht als nächstes die Autoindustrie im Visier, die die Teufelsmaschinen baut, mit denen alkoholisierte Fahrer auf die Menschheit losgelassen werden. Und was sagt der Staatsanwalt zu den Waffenherstellern dieser Welt? Ein weites Feld für fruchtbare juristische Betätigung. Ob das Ganze auch als Regierungsprogramm zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit unter den Junganwälten gedacht ist?

28 Oktober 2008

IBOVESPA auf dem Niveau von Oktober 2005

Am 20. Mai 2008 war der Höhepunkt erreicht, seitdem geht es bergab. Gestern betrug der Ibovespa-Index nur noch 29.435 Punkte; am 28.10.2005 lag er mit 29.318 Punkten das letzte Mal unter der Marke von 30.000 Punkten. Allein 2008 betrug der Wertverlust der 330 börsennotierten brasilianischen Unternehmen ca. eine Billion R$. 
Da ist es ein Lichtblick zu lesen, dass die von den Nachkommen deutscher Auswanderer gegründete WEG im dritten Vierteljahr des laufenden Jahres einen Nettogewinn von 167 Mio. R$ verzeichnen konnte, 6,4 % mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Der Nettoumsatz betrug 1,223 Mrd. R$, 22 % mehr als im dritten Vierteljahr 2007. Die Binnenumsätze wuchsen um 23,2 % und der Export um 20,3 %. Das Wachstumsziel dieses sehr bedeutenden Elektromotorenherstellers, über den Sie in meinem Buch "Wirtschaftsboom am Zuckerhut" ein ganzes Kapitel finden, beträgt für das laufende Jahr 20 % und sollte wohl erreicht werden.  Der seit Jahresanfang im Amt befindliche Präsident Harry Schmelzer kann stolz auf sein erstes Jahr als Präsident sein.
Die Autoindustrie hat ihre Verkaufsprognosen für Brasilien schon von 3 auf 2,8 oder 2,9 Mio. Fahrzeuge zurückgeschraubt, aber das ist immer noch mehr als die 2,4 Millionen des Vorjahres. 
Der €-Kurs scheint sich bei 2,80 R$ einzupendeln. 
Die Zucker- und Alkoholindustrie hat zur Zeit Liquiditätsprobleme und verspätet die fälligen Lohn- und Gehaltszahlungen (wobei dieser Unterschied in Brasilien nicht existiert). Diesem Sektor kann sich wahrscheinlich erst erholen, wenn wieder ausreichend Kredite verfügbar sind. Die Banken sind eben leider nicht überflüssig, obwohl mancher sie wohl in den vergangenen Tagen zum Teufel gewünscht hat - von VW-Aktionären in Deutschland mal abgesehen. 
Nur 15 % der Einwohner São Paulos glauben nach einer Umfrage, dass die Krise ihr Budget beeinflussen wird - ihr Wort in Gottes Ohrläppchen! 
BRADESCO hat WEG noch übertrumpft, die Nettogewinne dieser Bank betragen per September 2008 stolze 6 Mrd. R$. Im dritten Vierteljahr 2008 waren es 1,9 Mrd. R$. Ein Wachstum von 3,4 bzw. 5,6 % gegenüber den Vergleichszeiträumen des Vorjahres und ein Beispiel nicht nur für US-amerikanische Banken. UNIBANCO verkündete per September ebenfalls 6 Mrd. R$ Gewinn (12,8 % Wachstum). Sind brasilianische Banker klüger als andere? Zumindestens vorsichtiger, denn der Chef von Bradesco sagte, wenn er eine Operation nicht verstünde, mache er sie nicht. 

25 Oktober 2008

Wirtschaftsboom am Zuckerhut

Im PRO Journal "Bücher für Macher" wurde schon am Montag, den 9. Juni 2008, eine Rezension meines Buches von Hans Klumbies unter dem Titel "Brasilien bietet gute Chancen für den Mittelstand" publiziert:

Bevor Karlheinz Kurt Naumann Fragen zu den Möglichkeiten eines Markteintritts in Brasilien, den Besonderheiten der dortigen Geschäftskultur, des Steuersystems und des Arbeitsrechts beantwortet, geht er auf die politischen und geschichtlichen Hintergründe der brasilianischen Ökonomie ein. Denn nur wer die Geschichte des südamerikanischen Landes und seine Einwohner kennt, kann erfolgreich in den brasilianischen Markt einsteigen. Das haben übrigens schon mehr als 1200 Unternehmen aus Deutschland getan.

Der Autor Karlheinz Kurt Naumann, der den Firmenpool Brasilien/Mercosur der IHK Essen leitet und geschäftsführender Gesellschafter der Eurolatina International Ltda in Sao Paulo ist, hat bereits über hundert Firmen bei ihrem Markteintritt in Brasilien beraten. Die ersten deutschen Unternehmen, die diesen Schritt wagten, waren Siemens und Bayer. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen vermehrt deutsche Maschinenbauer und Zulieferer der Automobilindustrie ins Land und ließen sich bevorzugt in der Region von Sao Paulo nieder. Noch immer sind es in der Hauptsache deutsche Großunternehmen und weniger Dienstleistungsfirmen, die sich in Brasilien ansiedeln.

Als wichtige Lektüre zum „Wirtschaftsboom am Zuckerhut“ empfiehlt Karlheinz Kurt Naumann die Wirtschaftszeitschrift „Exame“, die in einem Jahresüberblick die Daten der 500 größten und besten in Brasilien tätigen Unternehmen enthält. Hier lassen sich erste Hinweise finden, in welcher Brache man in Brasilien investieren sollte. So lässt sich beispielsweise anhand der Datensammlungen ablesen, dass deutsche Unternehmen im Agrarsektor durch Abwesenheit glänzen, obwohl die Brache boomt. Naumann sieht auch in der Bergbauindustrie selbst für kleine Ingenieurbüros gute Chancen, an langfristige und lukrative Aufträge zu kommen.

Ein Dienstleistungssektor, der nicht zu wachsen aufhört, ist laut Naumann der Sicherheitsbereich. Sowohl im Bereich des Objekt-, wie auch des Personenschutzes gibt es vielfältige Möglichkeiten für deutsche Dienstleister oder Zulieferer. Vor allem ist die Fernsehüberwachung per Internet für Fabriken, Büros und Wohnhäuser sehr gefragt. Auch in anderen Sektoren der brasilianischen Wirtschaft bestehen für deutsche Firmen gute Chancen.

An Beispielen von Firmen, die in Brasilien sehr erfolgreich waren (wie Conexel, Hering, WEG und Grupo Brasil), zeigt der Autor, wie wichtig gute Verbindungen sind und wie man als Unternehmen überlebt, weil man nicht an Dogmen klebt, sondern sich rasch auf neue Bedingungen einstellt.

Wer als kleines oder mittelständisches Unternehmen (KMU) günstig und risikoarm in Brasilien einsteigen möchte, dem rät Naumann dem Firmenpool Brasilien/Mercosur der IHK Essen beizutreten. Die Leistungen fangen bei einer Machbarkeitsprüfung an, führen über eine Vertriebspartnervermittlung und reichen bis hin zur Geschäftsbetreuung. Die Kosten belaufen sich von etwa 400 bis 1000 Euro im Monat.

Fazit: Auch in Brasilien gibt es keinen Königsweg zum wirtschaftlichen Erfolg. Viele Unternehmen und Firmen waren erfolgreich, obwohl sie ganz unterschiedliche Rezepte verwendeten. Doch ein Grundmuster erkannte Naumann: viel Arbeit und etwas Glück.
(hkl)

Wirtschaftsboom am Zuckerhut
Strategien für langfristigen Erfolg in Brasilien
Karlheinz Kurt Naumann
Verlag: Redline Wirtschaft
Gebundene Ausgabe: 245 Seiten, Auflage: 2008
ISBN: 978-3-636-01559-4, 24,90 Euro

Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird!

Die Lage ist ernst, ohne Zweifel. Das Geld wird knapper, Kredite zu erhalten , wird gerade auch in Brasilien schwieriger und die Zinsen sind immer noch viel zu hoch. Viele Firmen sind in US$ verschuldet und wissen jetzt nicht, wo sie das Geld zur Bedienung dieser Schulden hernehmen sollen. Der Staat muß einschreiten, was nach Steuererhöhung riecht. Wichtige Reformen wie die des Steuersystems und der Sozialversicherung lassen auf sich warten, das berühmte PAC-Programm kommt nicht aus den Startlöchern und die Regierung zeigt keine Bereitschaft, den Gürtel enger zu schnallen. Die Kandidatin der Arbeiterpartei für das Amt des Oberbürgermeisters von São Paulo brüstet sich mit sozialen Hilfsprogrammen, d.h. sie will Fische verteilen und keine Angeln. Ob es ihr hilft, werden wir morgen nach der Wahl wissen. Große brasilianische Firmen sind vorsichtig und verschieben schon Investitionen, weil die Nachfrage im Ausland nachläßt, siehe dazu das Beispiel der Automobilindustrie, für die zum Teil vorgezogene Betriebsferien angesagt sind. VW will sich aber nicht in Brasilien, sondern in Deutschland von bis zu 25.000 Leiharbeitern trennen und die brasilianische Autoindustrie wird auch 2008 wieder einen Produktionsrekord erzielen.

Brasilien  ist trotzdem in einer ganz anderen Lage als vor zehn oder gar zwanzig Jahren. Damals war Brasilien oft die Ursache internationaler Probleme, heute kann es die Lösung sein - zusammen mit den anderen BRIC-Staaten. Unsere Auslandsverschuldung ist weitgehend abgebaut, die Devisenreserven liegen über 200 Mrd. US$, wir haben riesige Erdöl-und -gasvorräte, sind Exportweltmeister in vielen Kategorien und werden nicht grundlos trotz aller Probleme wie punktueller Armut, Korruption, Kriminalität, Bürokratie und Analphabetismus das Land der unbegrenzten Lebensfreude genannt. Unser größtes Potential sind unsere Menschen, die dem Leben gegenüber positiv eingestellten Brasilianer, die sich nicht unterkriegen lassen. 

Das zeigt sich u.a. in der Ankündigung unserer Supermarktkette Carrefour vom 19.10.2008, daß sie 2.000 Arbeitsplätze zu vergeben hat. Wie man sieht, hat diese Firma - und andere Gesellschaften - nicht den Glauben an Wachstum und Stabilität verloren.

Was Christian Moritz, Partner von MMlaw Rechtsanwälte in Ratingen/Stuttgart und gegenwärtig verantwortlich für die Deutsche Abteilung bei Felsberg e Associados in São Paulo 2007 in "Business & Law" schrieb, hat nichts an Bedeutung verloren, auch wenn der Real inzwischen etwas an Stärke eingebüßt hat:

"728 Unternehmen aus Bayern pflegen bereits Handelsbeziehungen mit Brasilien und die neuesten Entwicklungen geben ihnen Recht: Die Zeit für einen Markteintritt ist günstig." 

Peter Rösler, der stellvertretende Geschäftsführer des Lateinamerika Verein e.V., gab am 16.9.2008 auf dem NRW-Außenwirtschaftstag in Essen weitere Daten bekannt:

Eckdaten Brasiliens 2007 (in Klammern die Zahlen Deutschlands zum Vergleich):
  • Fläche = 8.511.965 Quadratkilometer (357.021)
  • Bevölkerung = 190 Millionen (82,4) 
  • BIP = 1.269 Mrd. US$ (3.259)
  • BIP in Kaufkraftparität umgerechnet = 1.838 Mrd. US$ (2.833)
  • BIP pro Kopf = 9.700 US$ (34.400)
  • BIP-Wachstum = 5,4 % (2,6)
  • BIP-Anteil Landwirtschaft = 20 % (3)
  • BIP-Anteil Industrie = 14 % (33)
  • BIP-Anteil Dienstleistungen = 66 % (64)
Solide, marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftspolitik:

4 Ziele: 
  • Nachhaltiges Wirtschaftswachstum 
  • Konsolidierung der Staatsfinanzen 
  • Resistenz gegen außenwirtschaftliche Verwerfungen 
  • Abbau der Armut 
Wirtschaftspolitik:
  • Gleichberechtigung in-und ausländischer Investitionen 
  • unabhängige Zentralbank 
  • Priorität der Inflationsbekämpfung 
  • freie Wechselkurse 
  • hohe Devisenreserven 
  • Haushaltsdisziplin (Hier erlaube ich mir ein ? einzufügen) und Privatisierungen
  • modernes Steuersystem (Ebenfalls mit ? zu versehen!)
  • entwickelter lokaler Kapitalmarkt 
  • soziale Unterstützungsprogramme (z.B. Bolsa Familia) 
  • solide politische Institutionen 
Aber: wichtige Reformen (z.B. Rentensystem) stehen noch aus

Weltweites Produktranking:
  • Nr. 1 in Ethanol
  • Nr. 2 in Jeans, Keramikteilen und Buskarrosserien
  • Nr. 3 in Linienflugzeugen, Schuhen und Motorrädern
  • Nr. 4 in Bier
  • Nr. 5 in Seide und Radiogeräten
  • Nr. 6 in Kfz, CDs und Zement
  • Nr. 7 in Zellstoff, Papier, Textilien und Bekleidung
  • Nr. 8 in Stahl
Highlights zu Brasiliens Industrie
  • Die Frankfurter Börse benutzt brasilianische Software 
  • Embraer ist die Nr. 3 in der weltweiten Verkehrsflugzeugproduktion 
  • Deutschland importiert brasilianische Raketen für Mikrogravitätsexperimente  
  • Petrobras ist weltweiter Führer in Tiefwasser - Ölbohrungen 
  • Odebrecht ist weltweit führend im Bau von Wasserkraftwerken 
  • Brasilien ist der größte Hersteller von Hybridmotoren 
  • 50 % des brasilianischen Kraftstoffverbrauchs basieren auf Alkohol und Biodiesel 
Exportweltmacht Brasilien (jeweils die drei wichtigstens Länder in der Reihenfolge ihrer Exportwerte)
  • Soja => Brasilien - Argentinien - USA
  • Zucker => Brasilien - Thailand - EU
  • Eisenerz => Brasilien - Australien - Kanada
  • Kaffee => Brasilien - Vietnam - Kolumbien
  • Geflügel => Brasilien - USA - Kanada
  • Orangensaftkonzentrat => Brasilien - USA - Spanien
  • Rindfleisch => Brasilien - Australien - Kanada
  • Ethanol => Brasilien - USA - EU
  • Eisen und Stahl => Rußland - Brasilien  - Frankreich
Risikowahrnehmung Brasiliens durch deutsche Unternehmen 
  • Bürokratie und Korruption 
  • starke Steuerbelastung und hohes Zinsniveau 
  • fehlendes Doppelbesteuerungsabkommen 
  • hohe Produktionskosten (custo Brasil) 
  • starke Real-Aufwertung  
  • mangelnde Rechtssicherheit 
  • veraltete Arbeitsgesetzgebung 
  • unterentwickelte Infrastruktur 
  • starke Abhängigkeit der Wirtschaft von „commodities“ 
  • krasse Einkommensunterschiede 
  • zu verbesserndes Bildungs-und Ausbildungsniveau 
Vorteile Brasiliens aus der Sicht deutscher Unternehmen 
  • neuntgrößte Volkswirtschaft und fünftgrößte Bevölkerung der Erde 
  • flächenmäßig so groß wie die USA (ohne Alaska) –Nr. 5 weltweit 
  • gewaltige Agrar-, Bergbau-und Energieressourcen (einschl. Erdöl) 
  • fast unerschöpfliche Quelle erneuerbarer Rohstoffe 
  • umfassend entwickelter Industriesektor und sprunghaft wachsender Exportsektor 
  • riesiges Wachstumspotential (BRIC-Land: ein „Muss“ für jeden „global player“) 
  • wachsende Mittelschicht (2008: 52 % in den 6 größten Städten) 
  • junge, konsumorientierte Bevölkerung 
  • Investment Grade (Standard & Poor‘s, Fitch) 
  • Devisenreserven übersteigen Auslandsverschuldung 
  • hoch motivierte Arbeitskräfte 
  • sehr gute Geschäftsmöglichkeiten 
  • starke Präsenz großer und mittelständischer deutscher Unternehmen 
  • geringe Mentalitätsunterschiede (10 Mio. Deutschstämmige) 
Dem will ich an dieser Stelle nichts hinzufügen, die Daten sprechen für sich und vor allem für Brasilien!!!

24 Oktober 2008

Wirtschaftsboom am Zuckerhut

Rezension von Rolf Dobelli vom 23.10.2008 unter der Überschrift "Entzückend und erschreckend zugleich":

Sonne, Samba und Karneval  aber auch Favelas, Armut und Gewalt: Brasilien entzückt und erschreckt zugleich. Wenige denken jedoch an die Rolle des Landes als aufstrebende Wirtschaftsmacht. Zu Unrecht, meint Karlheinz Kurt Naumann und unterlegt sein Urteil mit der Abwandlung eines bekannten Spruchs: 1200 deutsche Firmen können nicht irren. Viele dieser Unternehmen suchten und fanden bereits vor Jahrzehnten ihr Glück im Land der unbegrenzten Lebensfreude. Und das zu Zeiten, als die drei anderen BRIC-Staaten noch weiße Flecken auf den Landkarten ausländischer Investoren waren. Immer wieder scheint der Autor den Leser aber vom genauen Gegenteil dieser Erfolgsgeschichten überzeugen zu wollen. Zwar bringt er über das ganze Buch verstreut Beispiele von Einzelnen und Firmen, die es bis ganz nach oben geschafft haben. Doch zugleich sieht er die brasilianische Politik, das Steuer- und Bildungssystem und die korrupte Bürokratie durch eine derart pessimistisch gefärbte Brille, dass einem die Lust am Investieren vergehen könnte. getAbstract empfiehlt das Buch trotzdem allen, die konkrete Tipps zum Markteintritt in Brasilien suchen.

Herr Busch schrieb am 21.11.2007 zum Thema INVESTIEREN IN BRASILIEN:

Hart wie in China (kompletter Artikel=> in Titel klicken!)

Jetzt zieht es deutsche Mittelständler nach Brasilien. Doch der Geschäftsalltag im Land des tropischen Karnevals ist überhaupt nicht lustig.

Stefan Schmersal war bestens vorbereitet, um in Brasilien ein Unternehmen zu gründen. Seine Familie betrieb seit den Siebzigerjahren eine Schaltgerätefabrik in dem Amazonasstaat, er selbst hatte dort schon gearbeitet, spricht fließend Portugiesisch und kennt den Alltag im Land.

Dennoch war Schmersal überrascht, wie kompliziert und teuer es für ihn wurde, einen weiteren Betrieb in der Nähe von São Paulo zu gründen. Ein halbes Jahr dauerte der Kampf um Betriebsgenehmigung, Steuernummer und Eintrag ins Firmenregister. Allein die Lizenz zum Import von Produkten aus Deutschland ließ mehrere Monate auf sich warten. Viel öfter als erwartet musste sich Schmersal teurer und nervenaufreibender Hilfe von Anwälten und Beratern bedienen. Bis heute durfte er, aus Angst der Banken vor Geldwäsche, in Brasilien nicht einmal ein privates Bankkonto eröffnen...


Also, lieber realistisch als zu optimistisch!

23 Oktober 2008

€-R$-Kursverlauf und Pressestimmen zur aktuellen Lage in Brasilien



Brasilianischer Real bröckelt ab (bei Handelsblatt.com am 23.10.2008 veröffentlicht

Brasilien und Argentinien brechen ein (EM Stocks Review Lateinamerika, 23.10.2008)

14 Oktober 2008

Euro gibt auf 2,8781 R$ nach

Bankenkrise überwunden? Der Verbraucher zahlt die Zeche!

Das Schlimmste ist vorbei? Nicht für den brasilianischen Kreditnehmer, der die höchsten Zinsen seit 5 Jahren zahlt. Ein Konsumentenkredit kostet in Brasilien aktuell 5,07 % im Monat (!) für den Ratenkauf eines PCs oder eines elektrischen Haushaltgerätes. 179,88 % pro Jahr (!) sind fällig für den Überziehungskredit bei einer der zehn großen Banken in São Paulo, 102,16 % im Jahr (!) zahlt man für einen Bankkredit als Privatmann. Der Euro fiel heute auf z.Z. 2,9063 R$.

11 Oktober 2008

Einblick in die Wirtschaft

Mein Freund Dietmar Rother schickte mir diese Zeilen, die so köstlich sind, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten will:

Analyse des finanziellen Rückflusses im Hintergrund der Wirtschaftskrise in den USA und dem Niedergang der Börsen:

Wenn Sie im Januar 2005 für 1.000 R$ Aktien von Nortel Networks oder von AIG, beides Giganten der US-Wirtschaft, gekauft hätten, würden Sie heute 59 R$ haben. Wenn Sie im Januar 2005 Aktien für 1.000 R$ von Lucent Technologies, einem anderen Giganten des Telekommunikationssektors, gekauft hätten, wären Ihnen heute 79 R$ verblieben.

Nun, wenn Sie im Januar 2005 für 1.000 R$ Skol (in Bier, nicht in Aktien) gekauft und alles getrunken und die leeren Bierdosen als wiederverwertbares Aluminium verkauft hätten, besäßen Sie heute 81 R$!

Schlussfolgerung: Im aktuellen Wirtschaftsszenarium verlieren Sie weniger Geld, wenn Sie den ganzen Tag Bier trinken. Aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass der Trinker weniger lebt, nämlich weniger gestresst, weniger deprimiert, weniger angespannt, weniger aufgeregt und mit weniger finanziellen Problemen! Denken Sie daran ... und wenn Sie Autofahren, trinken Sie nicht! Und wenn Sie trinken, rufen Sie mich! Wenn Sie mich nicht rufen wollen, schicken Sie mir wenigstens die (leeren) Bierdosen, ich verkaufe alles!

Na dann, Prost!

Dunkelland?

Sollte an der bösartigen Namensgebung Dunkelland doch etwas dran sein? Ich will den Einwohnern der ehemaligen "DDR" natürlich nicht unterstellen, dass sie nicht zu den Illuminati gehören, aber auffällig ist es doch, dass praktisch niemand aus diesem Teil Deutschlands an Brasilien (bzw. an meinem Blog) interessiert ist. Nichts für ungut! Als Berliner (in Berlin geboren, im späteren Ostberlin aufgewachsen und als Schüler mit der ganzen Familie regulär nach Westberlin umgezogen, als dies unter großen Schwierigkeiten noch ohne Flucht möglich war) konnte ich mir einen solchen spitzen Kommentar nicht verkneifen.
Nur, um einen wesentlichen Unterschied zwischen obigem Teil Deutschlands und einer dunklen Region Brasiliens herauszuarbeiten, zeige ich dieses Inselbild. Die Insel heißt Ilha do Bréu, was übersetzt Insel der Dunkelheit bedeutet und gehört meinem Freund Márcio, der dort gerne (zahlende) Gäste aufnimmt. Die Insel erhielt ihren Namen, weil es dort keine Elektrizität gibt, wird aber durchaus von "Erleuchteten" aufgesucht. Das Foto und mehr zur Insel finden Sie unter www.ilhadobreu.com.br.

In eigener Sache: Vielen Dank für die Antworten auf meine Frage nach dem "Vierradfahrzeug auf Motorradbasis", die prompt und sehr nett beantwortet wurde - siehe die Kommentare zum Blogeintrag. Weil ich einen selbst einfügte, steht dort fälschlicherweise: "Karlheinz Kurt Naumann hat gesagt". Wer es tatsächlich gesagt hat, ist natürlich Herr Schweinberger, wie Sie der Unterschrift entnehmen können!

Kawasaki baut Motorradwerk in Manaus

Die einen ziehen Geld ab, die anderen investieren. Kawasaki ist aber so schlau, nicht in Finanzanlagen zu investieren, sondern in "Hardware", nämlich 40 Mio. US$ in eine neue Fabrik. Damit folgt man der Strategie, die Division Maschinen & Konsumgüter nach Brasilien zu bringen, die bis zum Produktionsbeginn mit Importprodukten in Brasilien arbeiten wird. Diese sind Motorräder, Jetskies und Vierradfahrzeuge auf Motorradbasis. Leider weiß ich nicht, wie man diese Vierradfahrzeuge mit Lenker richtig nennt, sicher gibt es einen speziellen Namen dafür. Vielleicht hilft mir ein Leser?
São Paulo kann als Wirtschaftszentrum natürlich nicht ausgelassen werden, hier wird die Firma sich ebenfalls niederlassen, um u.a. ein landesweites Händlernetz aufzubauen, welches 200 Konzessionäre haben soll. Diese Zahl soll 2015 erreicht sein.
Seit zwei Jahren trägt man sich mit diesen Plänen, die durch die Marktgröße ausgelöst wurden. Immerhin werden in Brasilien jährlich zwei Millionen Motorräder verkauft. Von hier aus will Kawasaki auch ganz Lateinamerika bedienen. Kawasaki ist seit 1973 in Brasilien im Bereich der Schwerindustrie tätig und läßt sich durch die augenblickliche Weltfinanzkrise nicht beirren. Dazu wäre die Investition auch zu klein im Vergleich zur Firmengröße.

Vergleich der Börsenverluste der letzten Woche

  • Tokio - 24,34 %
  • Paris - 22,16 %
  • Frankfurt - 21,61 %
  • Moskau - 21,12 %
  • London - 21,04 %
  • São Paulo - 20,01 %
  • Buenos Aires - 19,62 %
  • New York - 18,15 % (Dow Jones) und - 15,30 % (Nasdaq)
  • Mexiko Stadt - 13,42 %
  • Xangai - 12,78 %

Zwischen Juni und September wurden von der Börse São Paulos 19,1 Mrd. R$ Auslandskapital abgezogen; wenn man die ersten Oktobertage mit einbezieht, sogar 20 Mrd. R$.

10 Oktober 2008

BANKEN VERLIEREN MASSIV GELD UND MÜSSEN DURCH STAATLICHE MASSNAHMEN GERETTET WERDEN!

Denkste! Nicht in Brasilien, denn hier gehen die Uhren anders. Ganz anders, fast wie in Bayern, wo sie links herum laufen. Denn der Streik der Bank"beamten" weitet sich aus, bereits 4.300 Bankfilialen sind laut CONTRAF - Confederação dos Trabalhadores do Ramo Financeiro (gehört zur Gewerkschaftszentrale CUT) in ganz Brasilien geschlossen und wir konnten heute z.B. deshalb keine ISS (Dienstleistungssteuer) zahlen und werden dies am Montag (hoffentlich!) nachholen können, mit 10 % Strafe! Und laut Auskunft der Stadt (ISS ist eine kommunale Steuer) wird auf diese Strafe nicht verzichtet, da es sich nicht um einen Streik städtischer Bediensteter handele. Die Logik stimmt schon, aber die Auswirkung ist trotzdem negativ. Und warum streiken unsere Bank"beamten"? Weil der 7,5 % - Vorschlag der FENABAN - Federação Nacional dos Bancos in Anbetracht der hohen Rentabilität des Sektors unzureichend sei!

In der Vergangenheit hat dies sicher zugetroffen, aber lesen die Bank"beamten" keine Zeitung und sehen keine Fernsehnachrichten? Oder hoffen sie, dass die Zukunft doch besser wird, als sie es früher war?

Kurssicherung verursacht hohe Verluste

Wie man sehen kann, hat auch Brasilien seine Probleme, denn das Länderrisisko steigt stetig, was uns aber im Augenblick noch relativ egal sein kann. Unter anderem deshalb, weil unser wichtiger Handelspartner Argentinien mit Brasilien Geschäfte in Landeswährung machen kann. Damit können Firmen beider Länder sich bereits Rechnungen schicken, die auf Peso oder Real ausgestellt sind, ohne Dollar und Euro und das damit verbundene Risiko. Eine Ermutigung für die südamerikanischen Politiker, die schon lange eine gemeinsame Währung für unseren Wirtschaftsraum fordern. Was leider Votorantim nicht mehr hilft. Dieser große Zement- und Aluminiumhersteller hat nämlich mit der rapiden Schwächung des R$ oder Stärkung des US$ insgesamt 2,2 Mrd. R$ verloren, eine Wiederholung der verunglückten Kurssicherungsgeschäfte von Sadia und Aracruz. Aruacruz hat dadurch neben dem Geld - 1,95 Mrd. R$ - auch den Investmentgrade - Status verloren und Sadia seinen Finanzchef und 750 Mio. R$. Die zur Votorantimgruppe gehörende Votorantim-Bank legt übrigens Wert auf die Feststellung, dass sie keinen Verlust erlitten hat und an den Swap-Geschäften, die einen Verlust verursacht hätten, nicht beteiligt gewesen sei. Die VCP - Votorantim Celulose e Papel wurde von Fitch Ratings unter "negative Beobachtung" gestellt, was in der Praxis bedeutet, dass sie Gefahr läuft, wie Aracruz herabgestuft zu werden. Die Regierung läßt über die Zentralbank ermitteln, welche Gesamtverluste durch solche Kursspekulationen verursacht wurden - man schätzt bisher 40 Mrd. R$. Lula wies richtigerweise darauf hin, dass es sich um Spekulationsverluste handele. Wenn es geklappt hätte, wären die "verantwortungslosen Spekulanten" natürlich Helden, wie im Krieg. Aber trotzdem ist es gut, immer wieder darauf hinzuweisen, dass konservativ abgewickelte Geschäfte keinen Glücksspielcharakter haben dürfen! Oder sie sind nicht mehr konservativ! Und selbst in einer Spielbank geht es sehr konservativ zu, zumindest auf der Seite der Eigentümer.

08 Oktober 2008

Inflation im Griff

Aber warten wir lieber vor einer abschließenden Stellungsnahme ab, wie die Oktoberwerte aussehen werden. Denn noch ist nicht aller Tage Abend, aber Präsident Bush vertraute seinem Kollegen Lula heute in einem Telefonat mit, daß wir die Auswirkungen seiner Gegenmaßnahmen schon in 2 Wochen spüren werden. Alles wird gut, Bush wird's schon richten. Aber zurück zur brasilianischen Inflation, die per September 4,76 % beträgt gegenüber 2,99 % im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Inflation der letzten 12 Monate betrug 6,25 %, geringfügig über der Inflation von 6,17 % von Oktober 2006 bis September 2007. Unser Jahresziel 2008 und 2009 ist jeweils 4,5 %, also müssen wir uns anstrengen, es einzuhalten. Aber die Regierung hat vorsichtshalber eine Marge von plus / minus 2 Prozentpunkten vorgesehen. Mit solchen Zielen kann eigentlich nichts schiefgehen. Vielleicht sollten mal einige Regelungstechniker zum Minister berufen werden. 

Porto Seguro ist eine Stadt in Brasilien

deren Namen auf Deutsch Sicherer Hafen bedeutet. Und das ist Brasilien wohl auch mit 208 Mrd. US$ Devisenreserven im Augenblick, denn ohne Schulden im Ausland geht es uns zur Zeit noch ganz gut. Unsere Kraftfahrzeugindustrie hat rechtzeitig auf die Bremse getreten und einige Werke arbeiten kurz. Trotzdem werden wir wohl bis Ende des Jahres einen neuen Produktionsrekord mit ca. 3,5 Mio. Fahrzeugen erreichen. Wem es schlecht geht, der hat selbst Schuld wie Sadia und Aracruz. Beide Firmen hatten Termingeschäfte gemacht, weil sie auf einen weiteren Verfall des Dollarkurses gewettet hatten und außerdem durch diese Spekulation einen zusätzlichen Gewinn einfahren wollten. Der ist nun zum Verlust geworden, Sadia rechnet mit 760 Mio. R$ und Aracruz mit 1,95 Mrd. R$. Schuster, bleib' bei Deinen Leisten, kann man da nur sagen. 

Der Euro hat uebrigens heute wieder die magische Marke von 3,00 R$ überschritten und liegt z.Z. bei 3,0102 R$, der Dollar bei 2,1970 R$, also deutlich weniger als gestern, als er mit 2,31 R$ schloß. Die Zentralbanken in aller Welt senken den Leitzins oder denken wenigstens darüber nach, um die augenblickliche Krise zu bekämpfen. Hoffentlich schließt sich unsere brasilianische Zentralbank diesem Trend an.

Was überhaupt nicht in die Landschaft paßt, ist der Streik des Bankpersonals in Brasilien, gefolgt von einem Streik der Metaller in São Paulo, die 20 % mehr Lohn fordern. Sehr einfühlsam, kann ich nur sagen.

Anbei noch die Kursverläufe REAL - DOLLAR, REAL - EURO und DOLLAR - EURO:




07 Oktober 2008

Ja, aber (zunächst?) nur kurzzeitig ist der EURO über 3,00 REAL wert!

Steigt der € über 3,00 R$?

Dicht an diesem Wert ist er schon! In Brasilien sind es 7:43 und der Kurs liegt bei Geld 2,9833 / Brief 2,9851. Der Dollar hat es im Augenblick auf Geld 2,1970 / Brief 2,1980 geschafft. Bei unserem ungebremsten Import wird das unweigerlich zu einem Anstieg der Inflation führen und da unser einziges Mittel dagegen hohe Zinsen sind, wird uns wohl bald eine Leitzinserhöhung in's Haus stehen. Denn das andere Hausmittel, Sparsamkeit, hat unsere Regierung leider noch nicht entdeckt. Aber vielleicht kommt ja alles ganz anders, wenn die Fed den amerikanischen Leitzins senkt. Außerdem hat sie schon 900 Mrd. US$ bereitgestellt, um dieses Geld an notleidende (mir kommen die Tränen) Banken auszuleihen. Hier in Brasilien wurde gestern der Zentralbank die Erlaubnis seitens der Regierung gegeben, Kreditbriefe bedrängter kleiner Banken zu kaufen. Und die großen müßten eigentlich vorgesorgt, wenn nicht sogar ausgesorgt haben. Mittel dazu sind ihnen genug über exorbitante Gewinne zugeflossen und dies nicht nur aus hohen Zinserträgen und Spekulationsgewinnen, sondern auch aus Gebühren. Selbst das Parken ist schon oft gebührenpflichtig, wenn man seine Bankfiliale besucht. Ich würde gerne sehen, was der Kunde eines Maschinenbauers sagen würde, wenn er seinen Lieferanten besucht, um eine neue Maschine für sich anzusehen und dazu seinen Wagen auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz abstellen muß. Jetzt wird sich die Spreu vom Weizen trennen und wehe denen, die ihre Einlagen bei einer Bank haben, die von Schönwetterpiloten geleitet wird.

06 Oktober 2008

Beim Wechselkurs ist richtig was los!

Der Kurssprung vom Wochenende zeigt es deutlich:
Allerdings traute wohl Yahoo den eigenen Werten nicht, denn zunächst fand ich diesen Kurs im deutschen Site: 
Quelle: http://de.finance.yahoo.com/currency/convert?from=EUR&to=BRL&amt=1&t=3m

Dann wurde man selbstsicherer und schrieb im brasilianischen Site korrekt:
Quelle: http://br.finance.yahoo.com/currency/convert?amt=1&from=EUR&to=BRL

Also, seien Sie vorsichtig beim Umrechnen! Vielleicht sehen wir hier den Grund vor uns, warum mehr Menschen googlen als yahooen?  Mit der Kurskorrektur ist auch meine erste Vermutung, dass es sich hier um zwei verschiedene Kurse (kommerzieller Kurs und Touristenkurs) gehandelt habe, hinfällig. Es war wohl nur ein einfacher Fehler. Soll ja im Finanzbereich zur Zeit durchaus nicht unüblich sein.

Noch ist übrigens alles relativ ruhig in Brasilien, abgesehen davon, daß ausländische Investoren (Sollte man sie nicht lieber ruhig Spekulanten nennen, weil sie nichts produzieren, sondern nur Finanzgewinne einstecken bzw. zur Zeit auch -verluste?) ihr Geld abziehen und die Börsenkurse sinken und der Wert des US-Dollar und des Euro steigt. Was eine Firma nicht berühren sollte, denn ihr eigentliches Geschäft bleibt ja vom Kurswert ihrer Aktien erstmal unbeeinflußt.  Und "Lieb' Vaterland, kannst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein" kann man in abgewandelter Form bei uns auch sagen: "Lieb' Vaterland, kannst ruhig sein, Präsident Lula investiert wie vorgesehen in's PAC, das ist fein!".  Jedenfalls hat er das heute bekräftigt und dem Zentralbankpräsidenten stehen viele Milliarden US$ Devisenreserven zur Verfügung, also auch hier herrscht noch Ruhe. Hoffentlich nicht die vor dem Sturm, denn Brasilien hat intensiv in US-Staatspapiere investiert, wie, nebenbei bemerkt, auch China.

04 Oktober 2008

Inder nehmen Chancen in Brasilien wahr

Brasilien wird zum zweiten Standbein indischer IT-Dienstleister, deren Kunden aus Sicherheitsgründen nicht alle Eier in indischen Nestern wissen wollen. Ein Beispiel bilden Firmen wie Satyam (1,5 Mrd. US$ Umsatz 2007) und Tata Consultancy Services (5,7 Mrd. US$ Umsatz 2007), die ihre Operationen in Brasilien ausweiten und für den Export nutzen. Satyam ist der viertgrößte indische Technologiedienstleister Indiens und kündigte Ausbaupläne für Brasilien an. Hier beschäftigt man augenblicklich 200 Mitarbeiter und weihte gerade ein Entwicklungszentrum in Londrina ein, in dem bis zu tausend Menschen arbeiten können. Ein weiteres Zentrum hat man in São Paulo, aber aus Kostengründen ging man jetzt nach Paraná. Denn São Paulo ist zwar billiger als die USA, aber teurer als Londrina, der Unterschied beträgt je nach Kostenart bis zu 35 %! Damit liegt Londrina schon praktisch auf indischem Niveau. Deshalb sucht die Firma auch weitere Standorte, die niedrige Kosten mit guter Infrastruktur und ausreichender Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte vereinen. Satyam bedient von Brasilien aus nicht nur hier arbeitende Multis, sondern auch Firmen in den USA, in Europa und sogar in Japan.

Indien exportiert heute jährlich Software und Dienstleistungen im Wert von 52 Mrd. US$, davon ist Brasilien noch weit entfernt. Im letzten Jahr waren es nur 800 Mio. US$. Als grösste Hindernisse für eine rasche Geschäftsexpansion in Brasilien sehen indische Unternehmer mangelnde Fremdsprachenkenntnisse - selbst Fluglotsen sprechen manchmal nur mangelhaft Englisch - und hohe Sozialabgaben. 

Tata Consultancy Services, die größte Firma ihrer Art in Indien, ist bereits seit fünf Jahren in Brasilien, wo sie tausendfünfhundert Mitarbeiter beschäftigt. Hundert davon arbeiten für den Export. Bis März 2010 will man weitere fünfhundert Menschen einstellen, die Hälfte davon soll für den Export arbeiten. Tata Brasil war vor dem Anstieg des Kurses auf über 2 R$ für einen US$ 50 % teurer als das indische Mutterhaus, seit wenigen Tagen sieht man sich dank der Bankenkrise wettbewerbsfähig. Alles hat seine guten Seiten! Oder: "Wat dem enen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall!"