03 September 2018

Neue Nachrichten aus Absurdistan

Brasilien fördert die Kunst.
Falsch, Brasilien fördert Künstler.
Nicht falsch, aber auch nicht richtig. Brasilien fördert vor allem linke Künstler.
Endlich fast korrekt.
Brasilien fördert linke Künstler, die Opposition zur aktuellen Regierung machen, und Künstler, deren Kunst zwar nicht brotlos (ganz im Gegenteil) ist, aber wenig zum Motto in Brasilien Flagge beiträgt, welches da lautet:
ORDNUNG UND FORTSCHRITT

Warum erwähne ich das? Wesley Safadão zum Beispiel erhielt 2016 für einen Auftritt auf dem São João - Fest in Caruaru, der "Hauptstadt des Forró" Brasiliens die stolze Summe von 575.000 R$. Wobei ich nichts gegen diesen ehrenwerten Herren habe. Aber auch nichts für ihn.

Es folgten andere mit kleineren Summen, nämlich
  • Luan Santana - R$ 325 mil u
  • Bell Marques - R$ 280 mil
  • Aviões do Forró - R$ 250 mil
  • Elba Ramalho - R$ 190 mil
  • Matheus e Kauan - R$ 180 mil
  • Flávio José - R$ 100 mil
Freuen wir uns mit diesen sicher bedeutenden Künstlern über ihre Einkünfte und mit den Menschen, die ihnen begeistert zuhörten. 

Das Durchschnittseinkommen eines Brasilianers betrug 2017 ungefähr 2.200 R$ im Monat und wird als Gehalt 13mal im Jahr gezahlt. Damit erhielt João Ninguém mit heute 1 € = 4,80 R$ nur 458 € im Monat x 13 = 5.958 € im Jahr. 

Der "große Schamlose", wie der Künstlername Safadão auf Deutsch heißt, erhielt mit diesem Wechselkurs 120.000 € für einen einzigen Auftritt, also zwanzigmal so viel. Aber wer sich nicht über Fußballereinkünfte aufregt, dem kann die Bezahlung eines Künstlers in Brasilien auch egal sein. Selbst wenn das Geld aus Steuereinkünften stammt und von staatlichen Institutionen an Leute gezahlt wird, die die Regierung, die diese Mittel so großzügig verteilt, bekämpft, weil nicht mehr Lulas PT am Ruder ist. Wobei ich ausdrücklich anmerke, dass ich die politische Einstellung der erwähnten Künstler nicht kenne und daher auch nicht weiß, ob sie für oder gegen Lula oder sonst irgendeinen Politiker sind.

Gestern Abend brannte das Nationalmuseum in Rio aus:

Damit wurde ein 200 Jahre altes Gebäude, für Brasilien uralt, vernichtet, in dem die Herrscherfamilie Brasiliens residierte und welches als größtes und wichtigstes Museum Brasiliens über 20 Millionen Ausstellungsstücke beherbergte, darunter der älteste Menschenfund beider Amerikas, unersetzbare Mumien und viele andere Kostbarkeiten. 

Hier habe ich das Budget des Museums gelb gekennzeichnet:

500.000 R$ für 2013 und 54.000 R$ für 2018. Sie lesen richtig, 54.000 R$ hat die Bundesuniversität von Rio de Janeiro, die für das Museum verantwortlich ist, dieses Jahr bereitgestellt. Das entspricht 11.250 € im Jahr!!! Das fakturiert unser oben zitierter "großer Schamloser" in Minuten!

Da tröstet es wenig, dass man 21,7 Mio. R$ als Förderung von der BNDES erhalten sollte, um das Gebäude zu restaurieren, weil es nichts mehr zu restaurieren gibt. Und auch die Versprechen, dass die Ursachen des Brandes gründlich erforscht werden sollen, ohne Rücksicht auf Verluste, bringen die unersetzlichen Exponate nicht zurück. Sie erinnern aber vielleicht an den Brand, der 2010 das Schlangeninstitut im Forschungskomplex Butantã und damit 70.000 konservierte Schlangen vernichtete, die größte Sammlung ihrer Art Brasiliens. Auch hier wurde die Forschungsarbeit von über hundert Jahren vernichtet. 

Aber wen interessiert das schon in einem Land, in dem 7 von 10 Gymnasialschülern unzureichende Kenntnisse in Portugiesisch und Mathematik haben. Aber, meine Anmerkung, wahrscheinlich alle RAPPER und HIP-HOPPER und sonstigen wichtigen Künstler und das trash-Fernsehen als einzige Informationsquelle neben  Facebook kennen. Schade. Denn wenn man Kunst der Favela wie diese

"Sie wollen uns loswerden,
mit der Favela aufräumen,
aber das vereinte Volk wird das nicht dulden.
Santa Marta muss sich zusammenschließen,
nur so ist der Feind angreifbar.
Er ist der Freund des Gouverneurs,
der Feind der Favela und ein Spekulant."

fördert, die übrigens im Deutschlandfunk über den grünen Klee gelobt wurde, aber das Nationalmuseum vor die Hunde gehen lässt, weil der Rektor der UFRJ, die für das Museum verantwortlich zeichnet, es trotz finanzieller und administrativer Freiheit sträflich vernachlässigt hat, dann sollte man das Kulturministerium wirklich abschaffen. Übrigens haben die PT-Vorsitzende Gleisi "Lula" Hoffmann und ihr Senatorkollege Lindbergh sofort nach dem Brand empört getwittert, dass sei eine Folge der unverantwortlichen Austeritätspolitik der jetzigen Putschistenregierung, bis man merkte, dass der Verantwortliche Roberto Leher Mitglied der PSOL-Partei Boulos ist und die Tweeds sofort zurückzog. Pech, dass sie schon weiterverbreitet worden waren.

Lesen Sie mal, wenn Sie Portugiesisch verstehen, über das QUEERMUSEUM in Rio. Ihnen werden die Augen aufgehen, welche Prioritäten hier gesetzt wurden!

Am ausgebrannten Museum war übersetzt zu lesen:
Alle, die hier vorbeigehen, schützen diese Platte, weil sie ein Dokument birgt, das die Kultur einer Generation und einen Meilenstein in der Geschichte eines Volkes offenbart, welches seine eigene Zukunft aufzubauen wusste.

Lourenco Righetti vom brasilianischen Verband der Maschinen- und Anlagenbauer in São Paulo schickte mir dazu dieses:

🔥Queimamos o quinto maior acervo do mundo.
🔥Queimamos o fóssil de 12 mil anos de Luzia, descoberta que refez todas as pesquisas sobre ocupação das Américas.
🔥Queimamos murais de Pompeia.
🔥Queimamos o documento de assinatura da Lei Áurea
🔥Queimamos o sarcófago de Sha Amum Em Su, um dos únicos no mundo que nunca foram abertos.
🔥Queimamos o acervo de botânica Bertha Lutz.
🔥Queimamos o maior dinossauro brasileiro já montado com peças quase todas originais.
🔥Queimamos o Angaturama Limai, maior carnívoro brasileiro.
🔥Queimamos alguns fósseis de plantas já extintas.
🔥Queimamos o maior acervo de meteoritos da América Latina.
🔥Queimamos o trono do rei Adandozan, do reino africano de Daomé, datado do século XVIII.
🔥Queimamos o prédio onde foi assinada a independência do Brasil.
🔥Queimamos duas bibliotecas.
🔥Queimamos o pergaminho datado do século XI com manuscritos em grego sobre os quatro Evangelhos, o exemplar mais antigo da Biblioteca Nacional e da América Latina.
🔥Queimamos a Bíblia de Mogúncia, de 1462, primeira obra impressa a conter informações como data, lugar de impressão e os nomes dos impressores, os alemães Johann Fust e Peter Schoffer, ex-sócios de Gutemberg.
🔥Queimamos A crônica de Nuremberg, de 1493, considerado o livro mais ilustrado do século XV, com mapas xilogravados tidos como os mais antigos em livro impresso.
🔥Queimamos a Bíblia Poliglota de Antuérpia, de 1569, Obra monumental do mais renomado impressor do século XVI: Cristóvão Plantin.
🔥Queimamos a primeira edição de “Os Lusíadas”, de 1572.
🔥Queimamos a primeira edição da “Arte da gramática da língua portuguesa”, escrita pelo Padre José de Anchieta em 1595.
🔥Queimamos o “Rerum per octennium...Brasília”, de Baerle (1647), com 55 pranchas a cores desenhadas por Frans Post.
🔥Queimamos exemplar completo da famosa Encyclopédie Française, uma das obras de referência para a Revolução Francesa.
🔥Queimamos o primeiro jornal impresso do mundo, datado de 1601.
🔥Queimamos um pouco da História do Brasil e da Humanidade...

Kurz darauf erhielt ich diese Zeilen auch von Heinz Sattler.

Gut, dass es viele Brasilianer gibt, die das wissen und bedauern und sich nicht das Gehirn zudröhnen. Das gibt Hoffnung, dass im Oktober richtig gewählt wird.

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