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26 August 2013

Die Re-Industrialisierung Brasiliens

war heute das Thema einer Vortragsreihe mit Podiumsdiskussion des Industrieverbandes von São Paulo  FIESP von 9:30 bis 19:00:

Die Zeitdauer zeigt die Wichtigkeit, die dem Thema beigemessen wird. Ich will jetzt nur kurz wiedergeben, dass der FIESP-Präsident Paulo Skaf in seiner Einführung darauf hinwies, dass seiner Meinung nach der Wechselkurs des R$ zum US-Dollar angemessen sei. Er sieht ihn bei 2,40 R$ = 1,00 US$ als richtig bewertet. Damit wäre einer der Gründe für die De-Industrialisierung Brasiliens beseitigt und der Re-Industrialisierung stünde nichts mehr im Wege. Nichts mehr? Leider bleiben andere Gründe wie z.B. die berüchtigten BRASILIENKOSTEN oder custo Brasil bestehen, verursacht u.a. von der miserablen Infrastruktur.

Deswegen habe ich oben auch die Zeit genannt, denn um die Probleme der Infrastruktur wissend und um pünktlich zu sein, fuhr ich um 7:00 los, um die 25 km zum Gebäude der FIESP zurückzulegen, wo es um 9:00 losgehen sollte. Leider hat der neue Oberbürgermeister in seiner grenzenlosen Weisheit durchgesetzt, dass die Avenida Interlagos, die schon bisher ein Flaschenhals war, weil aus den drei Fahrspuren wegen einer Brücke plötzlich zwei werden, eine Busspur einzurichten. Deshalb steht jetzt Pkws, Lkws und Zweirädern nur eine Fahrspur zur Verfügung:

Was wurde erreicht? Eine meist leere Busspur und verärgerte Autofahrer. Ich brauchte heute für die ersten 1,8 km meines Weges genau 45 Minuten! Das entspricht einer Geschwindigkeit von 2,4 km/h. Nur Laufen ist schneller, ist man versucht zu sagen. Für die gesamte Strecke benötigte ich dann 2 Stunden und 15 Minuten, kam aber noch pünktlich, weil sich der Beginn - wie immer bei solchen Veranstaltungen - verzögerte. Leider liess sich der angekündigte Finanzminister Guido Mantega nicht blicken, aber auf seine zweckoptimistischen Sprüche konnten die Zuhörer auch gut verzichten.


Wer richtig früh kam, also in der Nähe der Avenida Paulista wohnt, konnte es sich in dem oben gezeigten vollbesetzten Saal gemütlich machen und die Vortragenden in Fleisch und Blut sehen. Wer wie ich auf den letzten Drücker ankam, musste sich mit einem Platz in einem Nebensaal 


begnügen und mit einem Blick auf einen Bildschirm. Public viewing nennt man dies wohl in Deutschland aus mir unbekannten Gründen. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass die Veranstaltung im Internet live per streaming zu sehen war, hätte ich die teure Parkgebühr und 50 km Schleichfahrt vermeiden können. Aber man lernt eben nie aus.

1 Kommentar:

  1. Ich maße mir nicht an, die Millionenstadt São Paulo mit den Provinzstädten Konstanz und Friedrichshafen am Bodensee zu vergleichen, dennoch sehe ich Parallelen: bekanntlich werden auch in Deutschland die Bürger (insbesondere Autofahrer) abkassiert, wobei nur ein kleiner Teil der Steuern und Abgaben in die Verbesserung und den Unterhalt der Infastruktur investiert wird. An fast jedem beliebigen Morgen und den meisten Abenden bilden sich vor Konstanz sowie rund um Friedrichshafen kilometerlange Staus. Bekanntlich ist Friedrichshafen eine bedeutende Industriestadt und Sitz namhafter Unternehmen, die viel für den Standort tun und dafür reichlich wenig zurückbekommen. Der Verkehrsinfarkt am Bodensee ist hinlänglich bekannt, nur scheint sich in Berlin und Stuttgart kein Mensch dafür zu interessieren. Dafür werden Radwege und "Grünbrücken" angelegt, die teilweise breiter sind, als die Hauptdurchgangsstrassen. Baustellen mit erheblichen Verkehrsbehinderungen werden ewig lange aufrechterhalten, so dass man glaube könnte, es handele sich um reine Schikanen. Ich kann das Missverhältnis zwischen Abgabenlast und schlechter Infrastruktur in Brasilien nachvollziehen. In vielen Teilen Deutschlands, z.B. am Bodensee, stellt sich die Lage jedoch kaum besser dar und man könnte auch von "Custo Lago de Constança" sprechen.

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