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03 März 2013

Wird die Welt in Produzenten- und Konsumentenländer aufgeteilt werden?

5,2 % vom BIP Brasiliens wurden 2012 in der Landwirtschaft erzeugt, 13,3 % von der verarbeitenden Industrie und 68,5 % vom Dienstleistungssektor. Wenn das so weiter geht, werden wir nur noch Erze schürfen, Sojabohnen ernten und Rindviecher schlachten. Den Rest machen die Banken, Versicherungsgesellschaften, Omnibuslinien- und Fluglinienbetreiber, Transportunternehmer, Tradings, Reedereien, Hotelketten, Wasserver- und -entsorger, you name it, und natürlich die Händler und die Importeure, die die zum Leben benötigten und die das Leben angenehmer machende Waren aus den Erzeugerländern, wahrscheinlich China, Südkorea und Indien, beschaffen. Der einzige Industriesektor, der - wenn er nicht Fertighäuser importieren will, was bei Hochhäusern schwierig sein wird - überleben wird, wäre dann der Bausektor. Und obwohl die Regierung der Petrobrás vorschreibt, local content - Vorschriften beim Einkauf von z.B. Erdölfördereinrichtungen zu beachten, ging der Industrieanteil am BIP ständig zurück - 2004 hatte er noch 20 % betragen! Und selbst die Petrobrás trägt dazu bei, denn wenn die Regierung auch unrealistische Vorschriften aus ideologischen Gründen erlässt, muss die Petrobrás Produktionskapazität schaffen und kauft deshalb doch im Ausland ein, weil die heimische Industrie nicht lieferfähig ist. Denn sie hat oft weder die Kapazität, um rechtzeitig zu liefern, noch die Fähigkeit, die verlangten Produkte herzustellen.

Was manchmal unverständlich ist, sind die Klagen brasilianischer Industrieller, die zwar auf der einen Seite den technologischen Stand z.B. Deutschlands haben möchten, aber ihn nicht bezahlen wollen (oder können). Man kauft dann doch lieber in China und jetzt auch schon in Indien ein, holt sich - noch - eine blutige Nase, aber wurstelt sich irgendwie durch. Aber irgendwann reicht die Qualität der indischen und chinesischen Erzeugnisse aus und dann haben die alten Industrieländer das Nachsehen. Vorausschauende Unternehmer aus den Industrieländern sollten deshalb den abschätzigen Begriff der TROPIKALISIERUNG von seinem Stigma befreien und vorurteilslos darüber nachdenken, was denn wirklich in Brasilien gebraucht wird. Die gute alte WERTANALYSE bzw. WERTGESTALTUNG sollte dazu benutzt werden, hochwertige und auf den Bedarf in Brasilien abgestimmte, erschwingliche Produkte zu erzeugen, die eventuell durchaus in Partnerschaft mit brasilianischen Unternehmen fabriziert werden können.

Wie wichtig eine Anpassung der brasilianischen Industrie ist, die von von ihr unbeeinflussbaren Kostentreibern wie Behördenbürokratie, Steuern, Einfuhr- und Ausfuhrbestimmungen, Arbeitsgesetzgebung und durchaus auch Korruption gebeutelt ist, zeigt das Beispiel der Chemieindustrie. Seit 5 Jahren stagniert dieser Sektor, obwohl der Verbrauch an chemischen Erzeugnissen um 7,1 % stieg. Für das laufende Jahr wird ein Handelsbilanzdefizit der Chemie von 30 Mrd. US$ vorausgesagt, letztes Jahr waren es bereits 28,1 Mrd. US$! Der Textilindustrie geht es ähnlich; 2005 erwirtschaftete sie noch einen Überschuss von 300 Mio. US$, 2012 ein Defizit von 5,3 Mrd. US$. Sie verlor dadurch 7.600 Arbeitsplätze. Die Schuhindustrie verlor ebenfalls Boden gegen Importware und baute letztes Jahr 7.000 Arbeitsplätze ab, konnte aber einen Aussenhandelsüberschuss erwirtschaften, der unter 1 Mrd. US$ liegt und schon mehr als das Doppelte betrug. 

Gründe für diese negative Entwicklung gibt es genug. Einer ist der hohe Preis an Rohstoffen. So kostet das für viele chemische Produktionsprozesse als Ausgangsmaterial verwendete Gas in Brasilien viermal mehr als in den USA. 

Im September 2008 begann die Weltfinanzkrise. In den darauffolgenden 4 Jahren und drei Monaten wuchs das BIP Brasiliens um 9,3 %, das des Dienstleistungssektors aber um 11,6 %. Das PIB der Industrie nahm um magere 2 % zu und das der Landwirtschaft ging um - 0,1 % zurück. Die Industrie sieht noch schlechter aus, wenn man den Bausektor ausklammert, der um 12,1 % wuchs. Dann bleibt nämlich ein Rückgang von 5,9 % für das BIP der Industrie übrig!

Und deshalb erlaubte ich mir, in meinem Post von gestern zu fragen, ob Präsidentin Dilma eine lahme Ente sei. Denn in den 2 Jahren ihrer Amtszeit wuchs das BIP der Landwirtschaft um 0,9 %, das der Industrie ging um 0,2 % zurück, der Dienstleistungssektor legte um 3,6 % zu, was zusammen 2,8 % BIP-Wachstum bedeutet. Ein sehr mageres Ergebnis für viele grosse Worte, die vor allem ihr Minister Mantega fand und aussprach. 

Was dem Land fehlt, ist ein Schock, ähnlich wie ihn der damalige Präsident Collor auslöste, als er den Import für Autos öffnete und die heimische Industrie zwang, ihre Fertigung und ihre Fahrzeuge zu modernisieren. Und natürlich muss die Industrie dann auch die Möglichkeit haben, moderne Produktionsmittel zu bezahlen, die - solange sie in Brasilien nicht hergestellt werden - eben importiert werden müssen. Und es muss Schluss sein mit der Meinung vieler Industrieller, dass das Kopieren ausländischer Erzeugnisse ein Kavaliersdelikt sein. Diese sollten ihr Geld nicht für Privatflugzeuge, Feriendomizile in Miami oder Luxusautos ausgeben, sondern in die Entwicklung ihrer Produkte stecken. 

Dazu ein eigenes Erlebnis: Ich begleitet den Inhaber eines deutschen Ingenieurbüros zu einem Hersteller medizintechnischer Erzeugnisse, dem wir die Entwicklung neuer Produkte vorschlugen. Wir zeigten Beispiele für von meinem Kunden entwickelte Geräte, die äußerst erfolgreich am Markt waren. Und was tut unser brasilianischer Freund? Zeigt uns den Katalog seiner deutschen Konkurrenz, deutet auf ein Produkt und fragt, ob wir ihm helfen könnten, dieses zu produzieren. Übrigens kam es nie - auch nicht mit nicht abgekupferten Produkten - zu einem Auftrag, weil dem Unternehmer 80.000 € für die komplette Entwicklung eines medizintechnischen Erzeugnisses einschließlich sämtlicher Fertigungsunterlagen und Betreuung während der Nullserie bis zur Freigabe der Serienfertigung zu viel waren. Das waren damals 180 TR$, damit hätte einen guten brasilianischen Entwicklungsingenieur ca. ein Jahr mit allen Nebenkosten bezahlen können. Und dieser hätte in diesem Jahr sicher nicht das Ergebnis abgeliefert, was mein Kunde ihm in Aussicht stellte. 

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