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03 Februar 2014

Röllchen

Rolezinhos“ in Brasilien


Wolfgang Kunath, 29.01.2014 12:33 Uhr
Sicher ist allen gemein, dass die Jugendlichen aus den ärmeren Schichten stammen, während die Einkaufszentren geradezu der Inbegriff der reichen Welt sind. Da in Brasilien die Armen meist schwarz und die Reichen so gut wie immer weiß sind, erhält das Phänomen eine antirassistische Komponente. Tatsächlich sieht man in den Malls, vor allem in den feineren, kaum schwarze Gesichter, es sei denn beim Service- oder Wachpersonal. Was die Brasilianer kurz „o shopping“ nennen, ist eine abgeschlossene Lebenswelt, in der nicht nur eingekauft wird. Man verabredet sich zum Essen, man trifft Freunde, in Shoppingzentren gibt es Kinos, Theater, Arztpraxen und Fitnessstudios. In Einkaufszentren verbringt man seine Freizeit, sie sind Orte der Entspannung und des sozialen Zusammenlebens, an denen man sich, anders als draußen, sicher fühlen kann. Aber die meisten Brasilianer der Mittel- und Oberklasse leben am liebsten mit ihresgleichen zusammen. Das Prinzip der Abkapselung, das dem Shoppingzentrum zu eigen ist, kommt in der Praxis immer dem Ausschluss gleich.... 

Das ist ein Ausschnitt aus einem Artikel, der von Vorurteilen nur so strotzt. Klicken Sie in die Artikelüberschrift, um ihn ganz zu lesen. Ich habe ihn wie folgt kommentiert:

„Die Kinder, die da kommen, sind ja unsere Kunden“ ist wohl ein Witz: Es sind keine unschuldigen Kinder, sondern Jugendliche, die eben nicht zum Kaufen kommen, sondern die ein Shoppingcenter durch ihre schiere Menge lahmlegen und daran ihren Spaß haben. Abgesehen davon sind Wörter wie Konsumgier kaum geeignet, die Realität Brasiliens wiederzugeben. "Aber die meisten Brasilianer der Mittel- und Oberklasse leben am liebsten mit ihresgleichen zusammen." Na und? Ist das in Deutschland anders? Oder haben Sie, lieber Herr Kunath, in Ihren Golfclub schon Obdachlose zu einem erholsamen Spaziergang am Sonntag eingeladen? Und was würden Sie sagen, wenn Sie nicht spielen könnten, weil der Rasen von sonnenhungrigen Menschen in Beschlag genommen wäre? Schöne Grüsse aus São Paulo!

Und jetzt kann ich diesen Kommentar ergänzen, denn diese Notiz fand ich am Freitag in meiner Zeitung O ESTADO DE SÃO PAULO:


Die unschuldigen Kinder, die laut Herrn Kunath nur spielen wollen, haben ihre Unschuld verloren, denn drei der maßgeblichen Organisatoren haben sich letzten Mittwoch bei der Jugendorganisation UJS der brasilianischen Kommunistischen Partei eingeschrieben. Lenin hatte durchaus Recht mit seiner Betrachtung zum nützlichen Idioten. Denn wer den Artikel auf S. 6 liest, erfährt, dass der Initiator Vinícius Andrade der Röllchenbewegung nicht wusste, dass die UJS eine Parteiorganisation ist und jetzt wieder austreten will. Sein Kommentar "Unser Ziel ist zu genießen, Fotos zu schießen und einige Küsse zu geben. Von Politik wollen wir nichts wissen. Diese ganze Polemik haben wir nicht gewollt". Aber trotzdem ist er auf den kommunistischen Parlamentskandidaten Netinho de Paulo hereingefallen, der Wahlkampfsunterstützung brauchte. Und er hat auch nicht als Ziel angegeben, Einkaufen zu wollen, was Herrn Kunath in's Stammbuch geschrieben sei.

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