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03 Mai 2015

Die Brasilianische Industrie baut weiter ab

Und weiter ab bedeutet, irgendwann wird sie bedeutungslos sein, wenn nicht gegengesteuert wird. Diese Graphik aus dem ESTADO DE SÃO PAULO vom 2.5. zeigt den Anteil der verarbeitenden Industrie am Gesamt - BIP Brasiliens von 2000 bis 2014:
Série Antiga = nach alter Berechnungsart    Nova Série = nach neuer Berechnungsart
Die Daten stammen vom IBGE, vergleichbar dem deutschen Bundesamt für Statistik, und wurden von der FIESP bekanntgemacht. Nach der durch das IBGE geänderten Berechnungsart hat die Industrie also nur noch 10,9 % Anteil am BIP Brasiliens. So sah dieser Anteil 2013 in anderen Ländern aus, die ein ähnliches BIP per Capita wie Brasilien haben:

Interessant ist natürlich besonders der Vergleich mit Deutschland. In den letzten 20 Jahren hat die deutsche Industrie ihren Anteil am BIP fast unverändert gehalten. Das verarbeitende Gewerbe hatte 2014 einen Anteil von 22,3 % am BIP, 1994 lag er bei 23,0 %. In der EU liegt der Wert mit 15,3 % deutlich niedriger, Frankreichs Industrie hat sogar nur 11,4 % und Großbritannien, die Wiege der Industrie, mit 9,4 % noch weniger.

Die „Berliner Zeitung“ kommentiert dazu: „Noch vor 15 Jahren galt Deutschland als ‚kranker Mann‘ Europas, der statt auf moderne Dienstleistungen auf Maschinen und Autos setzt. Heute ist die deutsche Industrie ein Vorzeigemodell, das viele Länder nachahmen möchten.“ Aber nicht immer können, denn China und die osteuropäischen Staaten werden immer mehr zu "Werkbänken der Welt", wo sich vermehrt Firmen aus den alten Industriestaaten ansiedeln. Deshalb liegt der Industrieanteil am BIP in Tschechien mit fast 25 % und Ungarn mit 23 % höher als in Deutschland. 

„Da starke Industrien nur aus gewachsenen Strukturen entstehen können, ist es wenig erfolgversprechend, bestimmte Industriemodelle zu kopieren“, meint Eric Heymann, Industrie-Analyst der Deutschen Bank. 

Solche gewachsene Strukturen hat Brasilien natürlich nicht, aber bis zur Krise von 2009 wurden wenigstens Industriegüter in angemessener Höhe exportiert, aber nach der Krise hat sich Brasiliens Industrie nicht mehr erholt. Dazu kam der überbewertete Real, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie weiter schmälerte, aber der es der Industrie auch erlaubt hätte, billig hochwertige Maschinen für die eigene Produktion zu importieren, was leider nicht ausreichend genutzt wurde. Heute haben wir zusätzlich noch die von mir schon kommentierten hohen Elektroenergiepreise, unbezahlbare Zinsen für Investitionen und ein starker Nachfragerückgang, der die Losgrößen kleiner werden lässt und dadurch keinen Volumeneffekt zulässt. Die Regierung hat als Allheilmittel dagegen nur Zollerhöhungen und nicht tarifäre Handelshemmnisse für den Import gefunden. Der vielgescholtene Ex-Präsident Collor hat es doch mit der Öffnung der Märkte vorgemacht; nur die Erlaubnis, moderne Autos zu importieren, hat unsere Autoindustrie gezwungen, auch moderne Autos in Brasilien zu bauen. Ohne Collor hätten wir heute zweitürige Autos ohne Schiebedach, elektrische Fensterheber, Automatikgetriebe, ABS, GPS und vom Lenkrad aus zu bedienende Freisprechanlagen und Radios. 

Ein kleines Beispiel für den Stand der Produktionstechnik, der natürlich nicht repräsentativ ist - es gibt auch moderne Betriebe - zeigen diese Fotos einer Kleiderfabrik. Hier gibt es "wandernde Bügeleisen", die ihrem Strom aus blanken 220 V - Leitungen beziehen:


Allerdings hat dieser Betrieb in São Paulo auch eine Einrichtung, allerdings von "anno dunnemal", zur Digitalisierung von Schnitten, die auf einem Plotter ausgedruckt werden:




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