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01 September 2013

Brasilien wird zu einem Dienstleistungsland

Vor einer Woche schrieb ich über ein Seminar der FIESP - Federação das Indústrias do Estado de São Paulo, in dem die Abwendung Brasiliens von der Industrie und die Hinwendung zu den Dienstleistungen mit Sorge behandelt wurde. 2012 war der Anteil des Bruttoinlandsproduktes nur 13,3 %. Zuletzt lag dieser Wert 1955 so niedrig, also vor dem "Plan der Ziele" von Juscelino Kubitschek. Wenn man die Entwicklung fortschreibt, wird der Industrieanteil am BIP 2029 bei 9,3 % anlangen! Das ist die Erkenntnis der Abteilung für Wettbewerbsfähigkeit und Technologie (DECOMTEC - Departamento de Competitividade e Tecnologia) der FIESP aus einer Untersuchung, die den Titel "Warum Brasilien wieder industrialisiert werden muss" trägt. Um das Land aus seiner Trägheit herauszureissen, wird als Ziel gesetzt, das Pro-Popf-Einkommen in 20 Jahren zu verdoppeln. Dazu wäre ein BIP-Wachstum von 4,01 % pro Jahr nötig, was ein jährliches mittleres Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens von 3,52 % ermöglicht. Um das Ziel in 15 Jahren zu erreichen, müsste das BIP um 5,29 % jährlich wachsen.

Heute sind wir weit entfernt davon und ohne den BIP-Anteil der Industrie wieder wachsen zu lassen, wird das Ziel sicher nicht bzw. nicht so schnell erreicht werden. Und alles spricht für ein weiteres Absinken des Industrieanteiles am BIP und zwar verursacht durch das steigende Pro-Kopf-Einkommen! Denn die Geschichte zeigt eine Korrelation zwischen steigender Kaufkraft und Industrieanteil, weil der Verbraucher mit mehr Geld in der Tasche nicht nur Basisbedürfnisse befriedigen will, sondern sich jetzt Ausgaben für Dienstleistungen erlauben kann, wozu Kino-, Theater- und Restaurantbesuche genauso gehören wie Urlaubsreisen. In den USA, Deutschland, Japan, England und Italien konnte dieses Phänomen beobachtet werden, als in diesen Ländern das Pro-Kopf-Einkommen 19.500 US$ jährlich erreichte. Mit 10.000 US$ im Jahr kauften die Leute Kleidung, zahlten Miete und sparten für langlebige Produkte. Mit 20.000 US$ im Jahr sind die Haushalte heute dann schon mit Autos, Mobiltelefonen, Computern, Fernsehern, Waschmaschinen und Kühlschränken versorgt und die Leute wenden sich von Hardware ab und verreisen lieber. Das bekommen z.B. die Autohersteller in Europa zu spüren, wo der Kfz-Markt gesättigt ist. Aber in Brasilien ist dies nicht der Fall, hier können noch viele Autos verkauft werden. Hoffentlich werden dann auch rechtzeitig genug Strassen gebaut!

Bleibt noch die Frage, wenn alle Werktätigen nur noch Dienstleistungen erbringen, wer dann noch Autos baut oder Brot backt. Irgendwo gibt es eine Grenze für den Anteil der Industrie am BIP, bei deren Unterschreiten das Land völlig von Importen abhängt.


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