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04 Juli 2015

Export in Zeiten der Ungewissheit

Es ist schwer, eine Prognose zu stellen; vor allem, wenn sie die Zukunft betrifft. Aber es ziemlich klar, dass es so nicht weitergeht. Die Präsidentin macht sich lächerlich (Grüße an die Maniokwurzel - die größte Eroberung Brasiliens, die Entdeckung der mulher sapiens, die Verachtung von Kronzeugen - die sie selbst per Gesetz möglich machte, ...) und wird, weitgehend isoliert, nicht mehr ernst genommen. So wenig, dass schon Emissäre des Koalitionspartners PMDB mit der Oppositionspartei PSDB über eine Unterstützung Temers sprechen für den Fall, dass der Vizepräsident zum Präsidenten aufrückt. Und das kann geschehen, wenn der Bundesrechnungshof Brasiliens das Haushaltsgebaren der Präsidentin in der letzten Legislaturperiode als ungesetzlich einstuft und sie eines Verbrechens auf der Grundlage des Gesetzes der fiskalischen Verantwortung beschuldigt. Dann ist ein erfolgreiches Amtsenthebungsverfahren wahrscheinlich. Über das Haushaltsgebaren wird im August oder September entschieden werden; wenn es schlecht für die Präsidentin läuft, ist Michel Temer im Oktober nicht mehr Vizepräsident. Wenn er in den nächsten Wochen das Amt des politischen Artikulators der Koalitionsregierung Dilmas aufgibt, ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass er damit rechnet, dass die Präsidentin des Amtes enthoben werden wird oder von selbst aufgibt. Miguel Reale Junior, ehemaliger Bundesjustizminister, Rechtsprofessor der Universidade de São Paulo und Mitglied der Academia Paulista de Letras schloss seinen Leitartikel Mulher Sapiens heute mit diesen Sätzen ab: "Este quadro exasperante leva a um clamor: Dilma, mulher sapiens, renuncie. Essa corajosa medida será menos traumática que qualquer processo de afastamento. E, finalmente, sábia."  (Dieses ärgerliche Bild führt zu einem Aufschrei der Empörung: Dilma, mulher sapiens, danke ab. Diese mutige Maßnahme wird weniger traumatisch sein als jeglicher Entfernungsprozess. Und, schlussendlich, weise.)

Das zur Einleitung und damit zum Thema Export. Die Präsidentin war gerade in den USA und hat dort gegen ihre Überzeugung um Geld von Investoren gebuhlt, die unsere Infrastruktur auf der Grundlage von Konzessionen verbessern sollen. Das war selbst zu Lulas Zeiten undenkbar, ein "Ausverkauf von Staatseigentum" war etwas, was von der PT verteufelt wurde. Lulas Gegner beim Wahlkampf zur zweiten Amtsperiode Lulas, Alckmin, unterlag nicht zuletzt deswegen, weil er die Anschuldigungen, dass seine Partei Brasilien mit der Privatisierung unter FHC geschadet habe, nicht energisch genug zurückwies und dadurch der Eindruck entstand, dass die Privatisierung eine schlechte Sache gewesen sei.

Die USA sollen jetzt mit ihrem Geld Brasiliens Wirtschaft zum Aufschwung und unserer Präsidentin zu besseren Umfragewerten verhelfen. Bei dieser Zustimmung bzw. besser Ablehnung
der Präsidentin und ihrer Regierung ist allerdings eine Besserung sehr unwahrscheinlich; 68 % halten die Regierung für schlecht oder sehr schlecht und nur 9 % für gut oder sehr gut, für 21 % ist sie normal. Dabei sind nicht nur die Werte an sich erschreckend, sondern ihre rasche Veränderung. Vor zwei Jahren meinten immerhin noch 55 % der Befragten, dass die Regierung gut oder sehr gut sei. Damals allerdings gab es noch Vollbeschäftigung und Kredite, heute nimmt die Arbeitslosigkeit jeden Tag mehr zu und die Autoindustrie entlässt Mitarbeiter, ordnet für sie Kurzarbeit an oder setzt die Arbeitsverträge temporär aus, weil immer weniger Menschen sich ein Auto leisten können, da die Finanzierung zu teuer ist - kein Wunder bei einem Leitzins von fast 14 % im Jahr - und der Treibstoff allmählich unerschwinglich wird, weil Petrobrás von kriminellen Politikern und Unternehmern wie eine Weihnachtsgans ausgenommen wurde und einen immensen finanziellen Nachholbedarf hat.

Aber vielleicht hilft die Kursentwicklung? Denn der Real verlor gegenüber dem Dollar an Wert,
was unseren Export stimulieren sollte. Und tatsächlich, unter den fünf größten Handelspartnern Brasiliens sind die USA der einzige, der mehr Industriegüter aus Brasilien importiert. Kein Wunder, wenn man sich den Verlauf des Wechselkurses oben ansieht, unsere Waren sind für die Amerikaner erheblich billiger geworden. Allein in den letzten 12 Monaten wertete sich der Real gegenüber dem Dollar um 28 % ab. Selbst gegenüber dem argentinischen Peso verlor der Real in diesem Zeitraum 20 % von seinem Wert und Argentinien ist sicher kein Beispiel für eine blühende Marktwirtschaft. Gegenüber dem Euro und dem Yen betrug die Abwertung 13 %.

Die Tochterfirmen US-amerikanischer Unternehmen profitieren von dieser Entwickung, die durch den Aufschwung der Wirtschaft in den USA unterstützt wird. Ein Beispiel dafür ist der Hersteller vom Lkw-Getrieben und Motorventilen Eaton in Valinhos im Bundesstaat São Paulo. Früher hatte das Unternehmen eine Exportquote von 30 %, die Hälfte der Exporte ging in die USA. Heute schickt Eaton nur noch 5 % seiner Produkte in's Heimatland, welches bisher lieber in Mexiko, Indien und China einkaufte. Das soll sich jetzt wegen der abwertungsbedingten Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ändern und man hofft, die 5 % auf 7 % in diesem Jahr steigern zu können.

Allerdings ist die Abwertung kein Allheilmittel, denn bei einer Inflation von 9 % im Jahr in Brasilien und teurer Importe - eben wegen der Abwertung - werden unsere Produkte teurer. Und leider benutzen viele importierte Materialien oder Komponenten. Deshalb wuchs der Import auch nur mit den USA per Mai 2015 um 3 %. Der Export nach China und Europa ging in diesem Zeitraum um 19 % zurück und nach den Mercosurstaaten um 15 %. Der Export in die Aladi-Länder schrumpfte um 9 %.

Der Zuwachs des Exportes nach den USA muss pro Produktgruppe betrachtet werden, denn der Schuhexport in die USA ging zum Beispiel per Mai 2015 um 4,8 % zurück; gegenüber Frankreich waren es 6,5 % und gegenüber Argentinien sogar 16,7 % weniger. Die USA nahmen schon 70 % der exportierten Schuhe auf, heute sind es gerade mal 17 %.

Zum Schluss zeige ich noch die Entwicklung des brasilianischen Außenhandels in den letzten 12 Monaten:
Werte in Mrd. US$

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