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09 Dezember 2010

93 % der Analphabeten in Brasilien verdienen bis zu 2 Mindestgehaelter

Das war sicher auch nicht anders zu erwarten, insofern ist dieses Ergebnis einer Studie des Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada nicht ueberraschend. Denn nicht jeder Bankeigentuemer macht einen ehemaligen Sportlehrer zum Bankpraesidenten, weil dieser mit seiner Frau verwandt ist. Brasilieninsider wissen, an welchen Fall ich denke. Aber zur Ausuebung eines gut bezahlten, also qualifizierten Berufes, gehoert eben auch eine gute Ausbildung. Und damit ist es in Brasilien schlecht bestellt. Nicht, dass wir uns in Deutschland mit den Ergebnissen der PISA-Studie von 2009 bruesten koennen, aber Brasilien sieht noch schlechter aus:

LITERATUR

  • Platz 1: China - Shanghai: 556 Punkte
  • Platz 20: Deutschland: 497 Punkte
  • Platz 53: Brasilien: 412 Punkte (2000: 396 Punkte) 
MATHEMATIK
  • Platz 1: China - Shanghai: 600 Punkte
  • Platz 16: Deutschland: 513 Punkte
  • Platz 57: Brasilien : 386 Punkte (2000: 334 Punkte)
NATURWISSENSCHAFTEN
  • PLATZ 1: China - Shanghai: 575 Punkte
  • Platz 13: Deutschland: 520 Punkte
  • Platz 53: Brasilien: 405 Punkte (2000: 375 Punkte)
Wie man sieht, hat sich Brasilien gegenueber dem Jahr 2000 verbessert, aber ist immer noch im Vergleich zu den Nationen, denen man sich ebenbuertig fuehlt, abgeschlagen. Heute bleiben immer noch 40 % der brasilianischen Schueler wenigstens einmal sitzen, schlechter sind nur Tunesien und Macau. In Japan, Suedkoera und Norwegen gibt es keine Sitzenbleiber, das gibt zu Denken! Bei einem Vergleich muss bedacht werden, dass das brasilianische Schulsystem kompliziert ist, denn zum einen gibt es das Seriensystem, zum anderen das zyklische Modell, auch kontinuierliches Fortschrittssystem genannt. Beim ersten System wird jeder Klasse (serie) ein theoretisch angebrachtes Alter zugeordnet. Beim zweiten System gibt es kein Sitzenbleiben von einem zum anderen Jahr, was rein optisch nett ist, auch wenn die aufrueckenden Schueler keinerlei Wissen aufnehmen. Aber so will es das Gesetz Lei de Diretrizes e Bases da Educação. In der Grundschule (ensino fundamental) gibt es zwei Zyklen, vom 1. bis 5. und vom 6. bis 9. Jahr. Hier kann man nur jeweils am Ende eines Zyklus zurueckgewiesen werden.

Kinder werden hier in Brasilien im Mittel mit 7,4 Jahren eingeschult, in Chile und Peru aber mit 6. In Brasilien lesen sie 216 Minuten die Woche in der Schule, in Chile 312 und in Mexiko 236. Den Naturwissenschaften werden in der brasilianischen Schule in der Woche 169 und der Mathematik 213 Minuten gewidmet. Da eruebrigt sich jeder bissige Kommentar und man fragt sich, ob hinter diesem Schulsystem nicht ein System steht, naemlich das der bewussten Verdummung. Zum Beispiel gedeihen unsere Oligarchien dort am besten, wo die meisten Analphabeten wohnen. Zum Schluss soll nicht verschwiegen werden, dass viele Schulen schlecht ausgestattet sind, Lehrer nicht gerade ueppig bezahlt werden und die Motivation vieler Schueler gering ist. Da vielfach beide Elternteile arbeiten (muessen) oder das Kind nur einen Alleinerzieher hat, sind auch Vater und/oder Mutter haeufig ueberfordert.  

1 Kommentar:

  1. Wer einmal in den Genuss kommt, das bras. Schulsystem etwas näher kennenzulernen, dem deucht recht bald, dass noch einige Möglichkeiten zur Optimierung bestehen. Beispiel, der Englischunterricht und die Macht des Faktischen, dass die meisten Schüler keine brauchbare Grundlage sich aneignen, worauf später aufgebaut werden kann. Okay, aber dazu muss man auch anerkennen, dass die Gegebenheiten Brasiliens andere sind: Da ist die gigantische flächenmäßige Erstreckung des Landes, mit lauter Gleichsprachigen. Und auch ist es für viele Brasilianer nicht Usus, je das eigene Land zu verlassen oder sich in anderweitigen, beruflichen, Situationen wiederfinden, die eine englische Sprachkompetenz bedingten. Und das ist sicher nur ein Punkt. Dennoch darf nicht gänzlich verteufelt werden. Es sind Ansätze da, auch dem 30jährigen „Hans“ noch versuchen beizubringen, was „Hänschen“ einst – warum auch immer - zu lernen versäumt hat. So gibt es beispielsweise im Bundesstaat São Paulo ein Programm, das grundlegendes Wissen des Ensino Fundamental erneut aufgreift, mit eigens dafür geschaffenen Unterlagen, die recht nett aufgemacht sind. Damit soll jungen Erwachsenen unter die Arme gegriffen werden, die Schwierigkeiten im Berufsleben haben, weil einfach die Tendenz von der normalen „mão de obra“ weggeht, hin zum „trabalhador qualificado“. Entscheidend bei allen noch so guten Absichten ist freilich auch die Frage, wie sehr diese Angebote angenommen und von den Betroffenen beherzigt werden. Ganz unvoreingenommen muss man einfach akzeptieren, dass Menschen sog. „bildungsferner Milieus“ sich nicht immer ganz so leicht tun damit, Interesse für die schulische Materie zu entwickeln. Somit lastet die Schuld gegenwärtiger Zustände nicht alleinig auf den Regierungsstellen. Und was die Analphabeten betrifft, wenn Tiririca wirklich sein Amt erst nimmt und wahrnimmt (worüber sich allerdings auch Zweifel regen), dann haben die Analphabeten endlich in der Politik einen rechtmäßig gewählten Vertreter.

    Was die Leistungsermittlung durch PISA anbelangt, okay, ein internationaler Vergleichsmaßstab. Und ja, dabei werden auch Defizite des deutschen Bildungssystems enthüllt. Man tut gut daran, diese Kritik als konstruktiv zu werten. Wobei allerdings etwas relativiert werden muss, sind meiner Meinung nach die Spitzenreiter wie Shanghai. Diese absolute Boom-Metropole hat in der Tat ihre Vorzüge in ganz vielen Bereichen. Und doch repräsentiert sie nicht den chinesischen Fulano & Sicrano, Shanghai ist, ebenso wie die Sonderwirtschaftszone Shenzhen oder Hongkong, in China eher als Ideal zu betrachten, und weniger wird da ein landesweiter Durchschnitt repräsentiert. Auf einen stolzen Shanghai-Bürger, der eine gute Ausbildung genoss, kommen ganz viele Chinesen, deren Bildung recht einfach ist. Allein in Shanghai selbst kann man schon allenorten ein Heer vieler fleißiger Helfer beobachten, gleich ob bei der Straßenreinigung oder dem Stahlflechten im Hochbau; Und das diese alle eine höherwertige Schulbildung als ein deutscher Haupt- oder Realschüler genossen haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

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