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28 Dezember 2010

Stabwechsel in Brasilien

Belindia, Mischung aus Belgien und Indien


Ein Kommentar von Peter Burghardt


Die Zukunft Brasiliens heißt Dilma Rousseff. Lula, ihr Vorgänger als Präsident, hinterlässt ihr eine sagenhafte Bilanz. Einerseits. Andererseits auch sagenhafte Probleme.


Brasiliens Weltstar Lula und seine Erbin Dilma Rousseff waren noch nicht geboren, als Stefan Zweig seine Ode auf den Giganten Südamerikas verfasste. Brasilien, ein Land der Zukunft, heißt das Buch des österreichischen Schriftstellers, es wird heutzutage gerne zitiert.


Zweig schrieb seine Verheißung wenige Jahre vor seinem Selbstmord 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro, er war gerührt von Frieden, Wucht und Schönheit seines Exils. Brasilianern diente seine Vorsehung später als Scherz: Brasilien sei das Land der Zukunft und werde es immer bleiben, spotteten sie. Inflation, Korruption und Schulden fraßen alle Hoffnung auf. Mittlerweile wird der Boom gefeiert. Man feiert vor allem den Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, dessen Ära nun zu Ende geht.


Jetzt heißt die Zukunft Brasiliens Dilma Rousseff. Sie soll weiterführen, was er geschaffen hat. Lula ist vielleicht einer der populärsten Staatschefs des Planeten, doch eine dritte Amtszeit verbietet die Verfassung. Zur Nachfolgerin wurde mit seiner Hilfe gerade die Kandidatin Rousseff gewählt, die als erste Frau an der Spitze der 192 Millionen Einwohner Brasiliens stehen wird. Ihr hinterlässt Lula einerseits eine sagenhafte Bilanz: Das einst schlampige Riesenreich hat sich zu einer stabilen Demokratie entwickelt und zum Aufsteiger der sogenannten Bric-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China.


Vor der Küste wurden gewaltige Mengen Öl gefunden, tief unter einer Salzschicht. Dem halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras gelang die umfangreichste Kapitalerhöhung der Weltgeschichte, der Börsenwert stieg um 70 Milliarden Dollar. Brasiliens Devisenreserven sind höher als die Schulden. Geht es so weiter, dann könnte die fünftgrößte Nation der Erde in einigen Jahren die fünftgrößte Wirtschaftsmacht sein.


Brasilien baut Flugzeuge und ist mit seinen Plantagen der bedeutendste Ernährer des Globus. São Paulo zählt mehr große und mittlere deutsche Firmen als jede Stadt Deutschlands, 1200 an der Zahl. Brasilien veranstaltet 2014 die Fußball-WM und Rio 2016 Olympia. Die brasilianische Entwicklungsbank vergibt mehr Kredite als die Weltbank. 50 Jahre nach ihrer Gründung pilgern die Staatsgäste in die Hauptstadt Brasilia.


Spagat zwischen Bankentürmen und Favelas


Lula hat es aus dem bettelarmen Nordosten vom Dreher und Barrikadenkämpfer zum pragmatischen Patron geschafft, er ist willkommen von Washington bis Peking. Dem einstigen Gewerkschaftsführer gelang der Spagat zwischen Bankentürmen und Favelas, Weltwirtschaftsforum und Weltsozialforum. Zwölf Millionen Familien bekommen Sozialhilfe, 29 Millionen Brasilianer sind der Armut entkommen und selbstbewusste Konsumenten einer aufstrebenden Mittelschicht geworden. Andererseits: Lula hat Brasilien nicht neu erfunden und übergibt seiner Dilma auch alte Probleme.


Der Aufstieg ruht auf der ersten stabilen Währung seit Jahrzehnten, dem Real, kreiert von Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardoso. Inzwischen ist dieser Real so stark geworden, dass er Käufern allmählich zu teuer wird. Die Sorge vor einem Rückfall bleibt bei aller Euphorie ein steter Begleiter. Noch immer exportiert Brasilien hauptsächlich Rohstoffe wie Eisenerz, Soja, Kaffee, Fleisch - das Angebot stillt vor allem Chinas Hunger. Die Finanzkrise hat der geläuterte Koloss vorbildlich gemeistert, doch die Abhängigkeit von Ressourcen ist riskant. An grundlegende Reformen hat sich Lula nicht herangewagt.


Ein Soziologe nannte Brasilien ehemals Belindia, eine Mischung aus Belgien und Indien, also Industriestaat und in großen Teilen Entwicklungsland. Das hat sich trotz aller Fortschritte nicht wirklich verändert. 30 Millionen Brasilianer leben in der Misere.


Die Mordrate ist katastrophal hoch, in der sonst so lebenslustigen Republik gibt es viel zu viele Waffen. Mindestlöhne und Schulsystem sind erbärmlich. Jedem zehnten Bürger ist das Alphabet fremd. Die meisten Stimmen bei der Parlamentswahl bekam ein Clown, der kaum lesen und schreiben kann, weil vielen Wählern die korrupten Mandatsträger zuwider sind. Es gibt keine Landreform und nach wie vor Sklavenarbeit. Veraltete Straßen, Häfen und Flugplätze bremsen den Aufschwung. Und zu viel Wachstum ist ungesund für die Natur, den wertvollsten und sensibelsten Schatz.


Auf den Regenwald am Amazonas nehmen Lula und seine Chefplanerin Rousseff bei ihren Megaprojekten wenig Rücksicht. Zu wenig. Deshalb verehren vor allem jüngere Leute eher Marina Silva, vormalige Umweltministerin und Aktivistin einer evangelikalen Pfingstkirche. Auf deren Klientel muss die Technokratin Rousseff achten. Auch international sollte die neue Präsidentin mehr Nähe zu ökologischen Ideen entwickeln als etwa zu Irans Atomplänen. Da setzte Lula zuweilen die falschen Akzente.


Rousseff sollte Lula nicht nur kopieren. Die Tochter eines bulgarischen Einwanderers wirkt spröde, aber sie verkörpert viel von dem, was die neue Politik der Region ausmacht. Sie ist eine weitere frühere Diktaturgegnerin, die es über die gemäßigte Linke in einen Präsidentschaftspalast geschafft hat. Brasilien wird Lulas Charisma vermissen, könnte indes weibliche Umsicht gebrauchen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 01.11.2010

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