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30 Januar 2011

Danke, Herr Gaulhofer, Ihr Artikel ist sehr lesenswert und regt zum Nachdenken an!

DiePresse.com | Wirtschaft | International | Artikel DruckenArtikel drucken

Brasiliens Wirtschaft bringt alles unter den Zuckerhut

29.01.2011 | 18:14 | von Karl Gaulhofer (Die Presse)
Zu hohe Zinsen, zu starke Währung: Brasiliens Wirtschaft boomt unter ziemlich widrigen Umständen. Der spät erwachte Binnenmarkt sorgt für eine Spirale nach oben: Jeder Arme weniger ist ein Konsument mehr.
Nicht nur China schreibt zur Zeit Wirtschaftsgeschichte. Auch Brasilien hebt ab, und das spürt man selbst im fernen Österreich: Im Vorjahr haben die Ausfuhren ins südamerikanische Boomland um ein Fünftel zugelegt und die Schallmauer von einer Milliarde Euro überschritten. Damit ist Brasilien bereits Österreichs viertgrößter Überseemarkt, nach den USA, China und Japan. „Wenn ich das vor zehn Jahren vorausgesagt hätte, hätten mich alle für verrückt gehalten“, sagt Wirtschaftsdelegierter Ingomar Lochschmidt.
Mag sein, doch wäre er in guter Gesellschaft gewesen: 2001 ernteten auch die Länderanalysten von Goldman Sachs schiefe Blicke, als sie Brasilien in ihrer „BRIC“-Theorie zu den vier ökonomischen Zukunftsmächten zählten Heute wundert sich niemand mehr über Prognosen, dass der junge Gigant in den kommenden zehn bis 15Jahren Großbritannien und Frankreich überholen wird. Als stabile Demokratie, anders als das autoritäre China. Ohne ethnische Konflikte und Massenarmut wie in Indien. Und ohne, wie der brüchige Rechtsstaat Russland, ganz vom Rohstoffexport und damit von den Fährnissen der Weltkonjunktur abzuhängen. Brasilien, so scheint es, bringt zur Zeit fast alles unter den Zuckerhut.
Bis in die Mitte der Neunzigerjahre konnte es seine großen Versprechen nie einlösen. Es war fruchtbar, überreich an Rohstoffen und besaß das Potenzial eines Binnenmarktes mit 190Millionen Bewohnern. Doch auf den Farmen der Großgrundbesitzer wurde so unproduktiv gearbeitet wie in den Staatsbetrieben. Die Kinder in den Favelas lernten nicht Lesen und Schreiben, sondern mit Waffen umzugehen. Der Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg stand auf dem fragwürdigen Fundament einer staatsgetriebenen, halb geschlossenen Wirtschaft, die sich über Auslandsschulden finanzierte.

Harte Schule für Unternehmen. Mit der Militärdiktatur und der Ölkrise brach dieses Modell zusammen. Auf seinen Trümmern wucherte, üppig wie tropischer Regenwald, die Inflation. Anfang der Neunziger erreichte sie 40 Prozent – pro Monat. Brasilien war zum traurigen Abschreibposten in der Bilanz der Weltwirtschaft geworden.
Nach all den fatalen Experimenten blieb nur mehr eine Option übrig: das Richtige zu tun. Das wagte denn auch der gemäßigte Sozialdemokrat Fernando Enrique Cardoso, der Mitte der Neunzigerjahre den Grundstein für das Wirtschaftswunder von heute legte.
Als Finanzminister führte er den Real ein, als Präsident ließ er die neue Währung frei floaten, entließ die Zentralbank aus dem Würgegriff der Politik und übertrug ihr nur noch eine Aufgabe: Preisstabilität. Für ausländische Investoren stieß er die Tore weit auf, den Firmenstaatsbesitz fuhr er auf strategische Minderheitsanteile zurück.
Die Saat ging nicht gleich auf. Noch Anfang des neuen Jahrtausends bewegte sich die Wirtschaftsleistung kaum vom Fleck. Es blieb Luiz Inácio Lula de Silva vorbehalten, die Ernte ab 2003 einzufahren. Der geläuterte Unternehmerschreck aus der Gewerkschaft hütete sich, als Präsident den eingeschlagenen Weg zu verlassen.
Viel mehr hat es nicht gebraucht. Denn nun schlug die große Stunde der Unternehmer. Sie waren lange genug durchs Feuer gegangen. Die Inflation trabt zwar nur mehr, statt zu galoppieren, aber die ständige Drohung hoher Teuerung hat Brasilien zu einem chronischen Hochzinsland gemacht. Auch heute noch liegt der Leitzins, bei einer Inflationsrate von „nur“ 4,5Prozent, bei über zehn Prozent – nominell und real einer der höchsten Sätze der Welt.
Barocke Bürokratie und hohe Steuern machen Wirtschaftstreibenden bis heute das Leben schwer. Wer da investieren und überleben kann, muss etwas zu bieten haben – und einigermaßen produktiv sein, denn Brasilien ist schon lang kein Niedriglohnland mehr.
Zum Glück, wie sich nun zeigt: Der beste Beitrag von Lulas Politik zum sich selbst reproduzierenden Wunder ist wohl die halbwegs richtige Dosis gewesen, mit der die Löhne stiegen und die Programme zur Armutsbekämpfung ausgebaut worden sind. Staatsverschuldung und Defizit erfüllen heute, wenn auch knapp, die Maastricht-Kriterien – fast so, als wollte sich der Mercosur-Anführer für einen EU-Beitritt bewerben.

Konsumieren aus Angst. Jeder Arme, der auf diese Weise nachhaltig in die Mittelschicht aufsteigt, ist ein relevanter Konsument mehr. Und als typischer Brasilianer der neuen Epoche macht er genau das, was die segensreiche Aufwärtsspirale in Gang hält: Wegen der hohen Zinsen kann er sich nur schwer verschulden. Aber weil ihm die Angst vor der Inflation immer noch in den Knochen sitzt, spart er auch nicht, sondern gibt aus, was er hat.
So wird der Binnenmarkt zum Motor und Sicherheitsanker der Konjunktur. Und die Weltkonzerne drängen trotz hoher Zölle herein, um sich ihr Stück am immer größer werdenden Kuchen zu sichern. Immerhin: Mag es in der Funktionärshauptstadt Brasilia auch zu schlimmen Korruptionsskandalen kommen – das Wirtschaften rundherum laufe längst „hoch seriös“ ab, versichert Lochschmidt.
Die frisch gewählte Lula-Nachfolgerin Dilma Rousseff hat also keinen Grund, kräftig am Steuerrad zu drehen. Ihre aktuell größte Herausforderung ist die Flut spekulativen Kapitals, das vor allem aus den USA ins Reich der üppigen Renditen fließt. Es treibt den Realkurs in für die Exporte gefährliche Höhen. Aber dafür warten ja vor der Küste die weltweit größten Erdölfunde der letzten Jahre auf ihre Exploration. Ein „Geschenk des Himmels“, wie Lula jubilierte. Das noch junge Glück scheint Brasilien hold zu bleiben.
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