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16 Juni 2013

Sieben Cent führen zu gewaltsamen Protesten

Unter dieser Schlagzeile schreibt die SÜDDEUTSCHE am 7.6.2013 über die Proteste über die Fahpreiserhöhung:

"Nun kam es wegen der Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr Brasiliens landesweit zu gewaltsamen Protesten. Wie die Polizei mitteilte, blockierten rund 2000 Demonstranten den Verkehr in verschiedenen Stadtteilen São Paulos. Die Organisatoren sprachen von 6000 Teilnehmern. Einige Demonstranten verwüsteten Bushaltestellen und U-Bahnstationen, andere setzten Mülleimer in Brand, um gegen die Fahrpreiserhöhung von umgerechnet 1,14 Euro auf 1,21 Euro zu protestieren. 50 Menschen wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei verletzt, 15 wurden festgenommen. Die meisten der Festgenommenen wurden jedoch am Freitag wieder auf freien Fuß gesetzt."

Wahrheit ist, dass die meisten Demonstranten nicht von der Erhöhung betroffen sind, denn entweder benutzen sie die öffentlichen Verkehrsmittel nicht oder sie erhalten von ihrem Arbeitgeber die Fahrtkosten zum Arbeitsplatz und zurück nachhause ersetzt. Wahrheit ist auch, dass kaum Arbeitnehmer protestierten, sondern Angehörige studentischer und sonstiger Linksgruppen und Anarchisten. Ebenfalls Wahrheit ist, dass selbst linke Parteien zur Zeit öffentlich Kritik an der Regierung und an der Präsidentin üben (Fernsehwerbung: ...die inkompetente PT bringt die Inflation zurück...) und solche Demonstrationen mit Fernsehliveübertragung wunderbar geeignet sind, sich Gehör zu verschaffen. Und Wahrheit ist, dass nicht nur Protestierende verletzt wurden, sondern auch Ordnungshüter, die mit Messern, Flaschen und Steinen angegriffen wurden und dass Busse angezündet, Haltestellen verwüstet und Bankfensterscheiben eingeschlagen wurden - ein klarer Hinweis darauf, dass es nicht um Fahrpreiserhöhung geht. Die Präsidentin, deren positive Beurteilung durch die Bevölkerung signifikant nachlässt, wurde übrigens gestern bei der Eröffnung des Spieles Japan - Brasilien im neuen Garinchastadium in Brasília ausgepfiffen.

Aber noch ein Wort zum öffentlichen Nahverkehr in São Paulo. In den letzten 8 Jahren hat die Passagieranzahl um 80 % zugenommen, aber die Anzahl der Busse ist kleiner geworden - aber die Busse, das soll nicht verschwiegen werden, sind auch grösser als früher:
Dieses Ungetüm ist ein Bus! Auf vielen grossen Strassen in São Paulo gibt es spezielle Busspuren, die auch von Taxis benutzt werden dürfen, wenn ein Passagier an Bord ist.
2004 waren es 1,678 Mrd. Passagiere für 14.134 Busse; 2012 verteilten sich 2,917 Mrd. Passagiere auf 13.970 Busse. Die Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf betrugen vor 8 Jahren 3,422 Mrd. R$ und letztes Jahr 4,511 Mrd. R$.

Kurze Milchmädchenrechnung: 4.510.700.000 R$ geteilt durch 2.916.954.960 Passagiere ergibt 1,55 R$ Umsatz pro befördertem Passagier, der bisher 3 R$ für eine Fahrt zahlte. Die Verkehrsbetriebe müssen also subventioniert werden, um zu überleben und die Fahrpreiserhöhung um 0,20 R$ bringt keine Kostendeckung. Trotzdem fordern einige "Demonstranten" Beförderung zum Nulltarif! Bürger über 65 und Bürgerinnen über 60 Jahre zahlen übrigens heute schon nichts und Schüler und Studenten die Hälfte des normalen Fahrpreises. Die Stadtverwaltung zahlt pro Bus und Monat 32.000 R$ für Gehälter, Treib- und Schmierstoffe, Ersatzteile etc. Der geforderte Nulltarif würde jährlich 6 Mrd. R$ kosten. Ob die Demonstranten mit einer Steuererhöhung einverstanden wären, um diese Summe aufzubringen, hat bisher keiner zu fragen gewagt.

Aber es geht schon längst nicht mehr um die 20 Centavos Tariferhöhung, es geht um das allgemeine Unwohlsein, welches täglich damit anfängt, dass die, die auf den öffentlichen Transport angewiesen sind, zum Teil stundenlang wie Vieh transportiert werden, auf engstem Raum zusammengepfercht und allen damit zusammenhängenden Widrigkeiten ausgesetzt. Und um das Gefühl der Ohnmacht, weil man nichts dagegen tun kann. Und die Demonstranten - nicht die Chaoten - zeigen, dass man wenigstens auf die Probleme hinweisen und sich Gehör verschaffen kann. Und unterstützende Aktionen in der ganzen Welt, z.B. in Berlin, zeigen das Potential des Internets, amorphe Massen ohne erkennbare Führer zu leiten und zu organisieren, was die Stadt- und Landesregierung von São Paulo einigermassen hilflos erscheinen lässt,  der Brave Soldat Schwejk lässt grüssen!

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