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07 Juli 2013

São Paulo ist gefährlich!

sagen viele Besucher und manchmal auch solche, die den Besuch erst vor sich haben, aber ihr Wissen aus der Zeitung beziehen. Das erinnert mich an einen Besuch bei meinen Eltern in Deutschland, als ich in Südafrika lebte. Dort wurde am Tag unserer Rückreise der Ausnahmezustand ausgerufen und meine Mutter drängte darauf, wenn ich schon nicht bleiben wolle, doch meine Frau und Tochter in Deutschland zu lassen. Wir sind trotzdem geflogen und fanden Johannesburg in völliger Normalität.

Damit will ich nicht behaupten, dass São Paulo ein "normales" Kriminalitätsniveau habe, aber die Stadt ist sicher nicht die gefährlichste Brasiliens. Dies sind, was die Mordfälle in 2011 angeht, die 10 gefährlichsten Bundeslandhauptstädte Brasiliens; angegeben sind die Morde pro 100.000 Einwohner in 2011 und (2001):
  1. Maceió: 97 (47,5)
  2. João Pessoa: 75,8 (37,4)
  3. Salvador: 59,9 (19,5)
  4. Manaus: 56 (25,7)
  5. Fortaleza: 49,4 (24,1)
  6. Belém: 48,6 (21,9)
  7. São Luis: 46,5 (23,7)
  8. Natal: 45,5 (12)
  9. Recife: 43,5 (70,5)
  10. Cuiabá: 42,4 (68,2)
São Paulo taucht hier gar nicht auf! Hier lag die Mordrate 2011 bei 12 Morde pro 100.000 Einwohner - was im UN-Massstab immer noch als epidemisch gilt, weil die Zahl grösser als 10 ist. Cabedelo in der Region von Gross - João Pessoa hat dagegen 134 Morde pro 100.000 Einwohner und selbst das DF, also der Bundesdistrikt, in dem die Landeshauptstadt Brasília liegt, weist mehr als 60 Morde pro 100.000 Einwohner auf. Was mit der lächerlichen Hypothese von nicht hier lebenden Journalisten aufräumt, dass die pure Not die Mörder zu ihren Untaten antreibt. Heute habe ich diese These mit zwei Handwerkern diskutiert, die völlig (m)einer Meinung waren, dass es sich um arbeitsscheue Berufsverbrecher  mit perverser Lust am Töten handele, aber nicht um arme arbeitslose Familienväter, die keinen anderen Weg gefunden haben, ihre Familien zu ernähren. 

Wussten Sie, dass 512.964 Männer und 35.039 Frauen in Brasilien einsitzen? 548.000 Strafgefangene!!! Davon sind 42,5 % echt weggeschlossen, 38 % provisorisch weggeschlossen, 14,5 % im halb offenen Strafvollzug und 4,3 % im offenen, dazu kommen 0,7 % in Gefängniskrankenhäusern.

548.000 Strafgefangene teilen sich 310.687 Gefängnisplätze, d.h. auf einen "Platz" kommen 1,8 Gefangene. Von den Gefangenen sind 5,7 % Analphabeten, 60,6 % haben die Grundschule nicht abgeschlossen, 12,8 % haben dies aber geschafft, 19,6 % haben den Mittelschulabschluss versucht und teilweise auch geschafft, auf 1,3 % trifft dies mit dem Abschluss einer höheren Schule zu. Übrigens haben 126 Gefangene einen Hochschulabschluss! Welchen Schluss man daraus ziehen kann, lasse ich mal offen.

43,8 % der Gefangenen sind übrigens nach ihrer Hautfarbe Mischlinge, 17 % sind Schwarze, 35,7 % sind Weisse und 3,5 % sind "Andere". Merkwürdig, dass in einem Land, in dem Diskriminierung nach Hautfarbe ein Verbrechen ist, die Hautfarbe überhaupt erfasst wird.

Von den Insassen unserer Gefännisse arbeiten 159.262 nicht, 111.909 arbeiten und 47.353 lassen sich ausbilden.

547 Gefangene wurden zu Strafen von über 100 Jahren verurteilt. 18,7 % müssen bis zu 4 Jahre im Gefängnis verbringen, 29,3 % zwischen 4 und 8 Jahre, 23,1 % zwischen 8 und 15 Jahre, 19,4 % zwischen 15 und 30 Jahre und 9,5 % mehr als 30 Jahre.

138.198 Gefangene wurden wegen Drogenhandels verurteilt, 77.873 wegen Diebstahls, 63.066 wegen Mordes, 12.954 wegen Vergewaltigung, 3.835 wegen häuslicher Gewalt, 722 wegen Korruption und 8 wegen Völkermord.

Unter den 540.000 sind nur 3.284 ausländische Strafgefangene, davon 613 aus Europa, nämlich 154 aus Spanien, 107 aus Portugal, 58 aus Rumänien und 294 aus weiteren Ländern Europas. 987 sind aus Afrika, nämlich 377 aus Nigeria, 145 aus Angola, 135 aus Südafrika und 330 aus anderen afrikanischen Ländern. 1.539 sind aus Amerika, 319 aus Paraguay, 230 aus Peru und 542 aus anderen amerikanischen Ländern.

Offiziell haben 5 Gefangene Selbstmord verübt, 984 sind geflüchtet und 2.595 sind vom Freigang nicht zurückgekehrt (und haben oft wenige Stunden nach Beginn ihrer provisorischen Freiheit bereits neue Straftaten verübt). 

Die obigen Zahlen stammen aus einer Publikation vom 6.3.2103 der Zeitschrift EXAME. Sie sind nicht genau, weil die Datenbasis der einzelnen Bundesstaaten voneinander abweichen. 

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